Lachsfischen im Jemen


Wenn unfassbare Träume wahr werden 

 

Wer hat sich denn diesen verrückten Filmtitel ausgedacht? Das ist in der Regel die erste Reaktion des Kinozuschauers, worauf zumeist die Erkenntnis folgt, dass der Inhalt tatsächlich dem Titel entspricht. Auf Diejenigen, die es dann schaffen ihre Skepsis zu überwinden und das Kinoticket lösen, wartet eine witzige Filmerfahrung voller Herz, die zwischen Politsatire und Romanze wandelt. Doch spulen wir zunächst noch einmal zurück und bringen ein wenig Licht in den ungewöhnlichen Inhalt dieses Geheimtipps von Regisseur Lasse Hallström.

 

Scheich Muhammed (Amr Waked) gilt als großer Liebhaber des Angelns und möchte seine große Leidenschaft, das Lachsfischen, in seine Heimat bringen. Als der Fischexperte Dr. Alfred Jones (Ewan McGregor) das erste Mal von der Idee hört, lacht er laut auf und erläutert mit großem Zynismus die Unmöglichkeit des Projekts. Doch die Umstände, getrieben durch die PR Managerin des britischen Premierministers Patricia Maxwell (Kristin Scott Thomas), zwingen ihn sich zusammen mit der hübschen Finanzberaterin Harriet Chetwode-Talbot (Emily Blunt) diesem Wahnsinn zu widmen und ihm Leben einzuhauchen. Der stets korrekte, vollkommen verschüchterte Wissenschaftler, der nur in seiner Arbeit den Ansatz von Selbstvertrauen besitzt, glaubt sich wie in einem schlechten Film, bis er die Bekanntschaft des Scheichs macht. Dieser überzeugt ihn mit seinem Charme und seinem tiefen Glauben an die Spiritualität und Leidenschaft des Angelns, dem Projekt mehr als nur ein paar Gedanken zu schenken. Bald schon hat sich Fred so tief in die Verwirklichung dieser unglaublichen Idee vertieft, dass er gar nicht merkt, auf welche Weise es sein Leben verändert. Mit mehr als nur einem Traum im Herzen beginnt für Alfred ein neuer Abschnitt seiner Existenz, in dem seine Kollegin Harriet keine kleine Rolle spielen soll, wenn es nach ihm geht.

 

Bei „Lachsfischen im Jemen“ handelt es sich um ein Kleinod der Filmkunst, das viele wichtige Konzepte des menschlichen Daseins in sich vereint. Es geht um unglaubliche Träume, Verlustangst, Glaube, Angst vor dem Unbekannten, Leidenschaft, Liebe und Hoffnung. All dies vereint der Film in einer recht kurzen Zeitspanne zu einem harmonischen Gesamtbild. Die Handlungsentwicklung findet auf drei Ebenen statt, die sich von Zeit zu Zeit überschneiden, bis sie sich am Ende zu einem großen Strang vereinen. Da wäre zum einen das Projekt der Realisierung des Lachsfischens in einem arabischen Staat mitten in der Wüste. Des Weiteren ist da die erwartete Romanze zwischen den beiden Hauptcharakteren, die sich sehr leise, aber stetig entwickelt und den Zuschauer mit sich auf eine Reise der Gefühle führt. Die dritte Ebene ist der persönliche Lebensbereich von Alfred und Harriet. Beide Charaktere haben große private Probleme, mit denen sie kämpfen müssen und finden im Projekt und ihrer gemeinsamen Entwicklung die Kraft, sie zu überwinden. Alle drei Ebenen sind von gleicher Wichtigkeit, da sie sich teilweise auch bedingen, was die Gratwanderung umso schwerer gestaltet, eine klare Linie durch den Film zu finden. Leider gelingt das nicht immer, da in der zweiten Hälfte des Films der Fokus deutlich mehr auf die Entwicklung der Romanze gelegt wird und das Lachsfischenprojekt etwas in den Hintergrund tritt. Dadurch geht der Nebenfaktor der Politsatire ein wenig verloren, was aber durchaus zu verschmerzen ist.

 

Bei so großen Feldern, wie sie die der Film öffnet, ist es aber völlig in Ordnung und auch gesund, wenn eine Ebene etwas weiter zurücktritt. Das visionäre Projekt des Scheichs erfüllt seinen Zweck, nämlich dem Zuschauer Glaube und Hoffnung  und den Charakteren eine gemeinsame Basis zu geben, um zusammen zu finden. Doch das eigentliche Zentrum des Films ist die Entwicklung der Charaktere, wobei hier vor allem die Figur des Alfred heraussticht. Die erschreckende Wiedergabe eines Spießerlebens vollkommen ohne Gefühl, mit der kaltherzig dominanten Ehefrau zu Hause und dem schmierigen Chef im Büro, gleicht einer Horrorvorstellung und zeigt das absolute Gegenteil eines erstrebenswerten Lebensziels. Tief in sich weiß Alfred das, hat aber zu große Angst sich zu befreien oder den Gedanken überhaupt zuzulassen. Stattdessen flüchtet er sich in seine Arbeit und blüht dort auf, während er Artikel über Fliegen verfasst und sie als immens wichtige wissenschaftliche Arbeit deklariert. Die Entwicklung des Charakters von dieser Basis aus zu betrachten und sich anzuschauen, wie dieser liebenswerte Spießer es schafft, in kleinen Schritten zu einem gestandenen Mann zu werden, fast ohne dass wir Zuschauer es direkt mitkriegen, ist absolut fantastisch. Diese unterschwelligen Entwicklungen geschehen so unbewusst, dass man genau hinschauen muss, um die Nuancen der Veränderung zu erkennen, die die Darstellungen so sehenswert machen.

 

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Filmzitat:

Am Abend haben Alfred und seine Frau, größtenteils angezogen, Sex im Bett. Man sieht Marys teilnahmsloses, beinahe gelangweiltes Gesicht und hört schließlich ein erlösendes Stöhnen von Alfred. Mary klopft ihm wie einem Kind auf den Rücken.

Mary:  „Das dürfte für eine Weile vorhalten.“

Alfred, sich von ihr herunterrollend, erleichtert:  „Danke Mary.“

Mary:  „Gute Nacht.“

Alfred nach kurzem Zögern:  „Gute Nacht….Schatz.“


 

Auch wenn das sehr gute Drehbuch einen gewichtigen Anteil am Charme des Films besitzt, so sind es doch die Schauspieler, die uns mit ihrer großartigen Darbietung begeistern. Ewan McGregor macht sich als spießiger Fachidiot so fantastisch, dass die Figur des Alfred den tragenden Faktor des Films bildet. Nicht weniger wichtig ist die talentierte Emily Blunt, die die lebensfreudige und stets optimistische Harriet vorzüglich portraitiert. Alleine sind beide Charaktere für sich schon sehr ausgereift, jedoch ist es die Wechselwirkung von McGregor und Blunt, die dem Ganzen erst das entscheidende Leben einhaucht. Durch die beeindruckende Schauspielkunst der Beiden wird die Reise, die die Charaktere durchmachen, um schließlich zu einem guten Ende zu finden, umso gewichtiger und macht den Film erst zu dieser zauberhaften Erfahrung. Aber selbst diese beispielhafte Vorstellung wird beinahe von einer herrlich komischen Kristin Scott Thomas in den Schatten gestellt, die in ihrer Rolle als zickige, flapsige und erfolgsorientierte PR Managerin aufgeht. Mehr als einmal hat sie das Publikum mit ihrer Art zu brüllendem Gelächter aufgefordert. Wer also den unterschwelligen und zynischen Humor von Alfred und Harriet nicht versteht, wird hier auf äußerst direkte Weise unterhalten werden.

 

Bei aller Freude über Handlungsentwicklung, Charakterdarstellung und Humor, so hat der Film ein Problem, das so unnötig wie gefährlich ist. „Lachsfischen im Jemen“ will zu jedem Zeitpunkt des Films darauf hinaus, dass er sich in einem engen Gefühlskreis bewegt, da die Handlungswelt beschränkt und somit gut in Details herauszuarbeiten ist. Dadurch bekommt der Zuschauer ein Gefühl von Nähe, was wiederum die Intentionen des Drehbuchautors in den Vordergrund stellt. Das funktioniert über große Teile des Films absolut hervorragend, doch an einigen Stellen stören stark übertriebene Szenen den Fluss, so dass es beinahe zu schwerwiegenden Brüchen mit dem Filmkonzept kommt. Ich hab diese Stellen im Film die „drei Wunder“ genannt, weil sie den Zuschauer von einer kleinen Mikroebene, auf der die Gefühle der Charaktere offen liegen und man sich richtig hineinfühlen kann, auf pompöse und unnötige Weise heraustragen. Man möchte fast meinen, dass der Autor sich alles schön zurechtgelegt hatte und im letzten Moment der Meinung war, dass zu wenig „Hollywood“ vorhanden war. Zudem hat mich die Ebene der Gegner des Scheichs gestört, das war ebenfalls ein Bereich der absolut vermeidbar gewesen ist und den Filmfluss stört. Im Spoilerbereich dazu etwas mehr.

 

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Folgende „drei Wunder“ möchte ich ansprechen, weil sie mich wirklich gestört haben.

  1. Alfreds Rettungstat mit einem geschickten Angelwurf bei der Attentatsszene. Die Szene kann nicht der Ernst des Drehbuchschreibers gewesen sein. Alfreds instinktive Heldenhaftigkeit hätte man auch auf weniger lächerliche Art darstellen können, ebenso wie diesen kläglichen Attentatsversuch.
  2. Soldat Robert steht plötzlich und unerwartet von den Toten auf. Erst war er vermisst, dann war er tot und plötzlich steht er als einziger Überlebender wieder unversehrt da. Ernsthaft? Ich verstehe, warum es wichtig für den Film ist, dass Harriet mit ihm ins Reine kommt, aber hätte man das nicht weniger pompös  aufbauen können? Das Ganze wirkt fast schon schmerzhaft aufgesetzt, um noch mehr Dramatik in die Romanze zu bringen, die eigentlich auf so wunderbare Weise im Kleinen funktioniert.
  3. Das Stromaufwärtsschwimmen der Zuchtlachse. Die Tiere haben keinerlei Idee was sie tun sollen, da sie niemals etwas Ähnliches in der Zucht gelernt haben und sich höchstens auf ihre Instinkte verlassen können. Dann schwimmen sie bei Freilassung erst einmal alle mit dem Strom, bis einer der Fische offensichtlich eine Eingebung hat und sich denkt „Moment, hier stimmt was nicht“. Er dreht um, alle anderen folgen ihm und die Menschen an Land sind glücklich. Muss ich mehr dazu sagen?

 

Mussten diese Szenen wirklich auf diese Weise präsentiert werden? Der Film spielt seine Stärken so grandios auf der Gefühlsebene aus, wird von Witz und Charme begleitet und verbreitet eine positive Message. Es ist absolut unnötig solche Elemente hineinzubauen und sie dann so pompös und plötzlich auf den Schirm zu bringen, dass der Zuschauer vollkommen aus dem Fluss gerissen wird. Der Film hat das große Glück, dass er stark genug ist, um diese Momente zu überleben und trotzdem zu funktionieren, trotzdem ist es ein wenig schade.

 

Fazit:

Trotz der zuletzt angesprochenen Probleme ist „Lachsfischen im Jemen“ einfach ein zauberhafter Film für Menschen, die nicht zu verbohrt sind, um Träume oder Hoffnungen in ihr Herz zu lassen. Denn davon besitzt der Film mehr als genug, um den Zuschauer mit einem schönen Gefühl aus dem Kino zu entlassen. Es ist schön zu sehen, dass es solche kleinen Filme mit ansprechendem Drehbuch, talentierten Schauspielern und einer positiven Nachricht, doch noch ins Kino schaffen. Das ideale Erlebnis für einen Abend mit dem/der Liebsten oder nur mit den besten Freunden, die hoffentlich genug Einfühlungsvermögen besitzen, um die kleinen Dinge des Films schätzen zu wissen.

 

Persönliche Meinung:

Man muss gut hinsehen und darf nicht oberflächlich bleiben, wenn man „Lachsfischen im Jemen“ nicht nur verstehen, sondern auch wertschätzen möchte. Der Film hat es definitiv verdient, dass man ihn nicht einfach so als Spinnerei abtut, sondern genau betrachtet, was er sagen möchte. Mir hat er gesagt, dass man es wagen darf in großen Träumen und Hoffnungen zu denken und selbst festgefahrene Leben die Chance haben, auf die Beine zu kommen. Gleichzeitig hat er mich auch noch gut unterhalten, die Szenen mit der PR Ministerin waren einfach göttlich, und nachhaltig bewegt. Wenn jetzt noch die störenden Elemente dem Film passend zugeschnitten gewesen wären, hätte mich das ganze Konzept vollends begeistert. Dennoch reicht das für mein Urteil, dass ich einen herzerfrischenden Film gesehen habe, den ich mir ohne zu zögern erneut anschauen würde.

Rating: ★★★★★★★½☆☆ 

 

Fakten:

Regie:  Lasse Hallström

Darsteller:  Ewan McGregor, Emily Blunt, Kristin Scott Thomas, Amr Waked, Rachael Stirling, Tom Mison

Drehbuch:  Simon Beaufoy, Paul Torday (Romanvorlage)

Filmmusik:  Dario Marianelli

Deutscher Kinostart:  17. Mai 2012

 

 

Quellen:  Internet Movie Database , Box Office Mojo

 

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