The Amazing Spiderman

 

Spinnenkontakt auf menschlicher Ebene

 

 

Sobald man von der Existenz dieses Films erfährt, fallen spontan gleich zwei wichtige Fragen ins Auge. Wieso beschließt Marvel so kurz nach der letzten Trilogie einen Reboot der Spiderman Serie? Und wieso war Spiderman kein Teil der Avengers? Beide Fragen hängen mit der Lizenzvergabe des Spinnenhelden zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts zusammen. Damals waren Superhelden Filme noch nicht so stark in Mode geraten, wie es heute der Fall ist und 20th Century Fox sicherte sich die Rechte an den Verfilmungen. Diese Aufgabe ging in die Hände von Regisseur Sam Raimi über, der diese mit Tobey Maguire und Kirsten Dunst in den Titelrollen, meisterte. Nun sind diese Rechte wieder zurück bei Marvel und die Mutterfirma war alles andere als zufrieden mit der Art, wie Raimi ihren Helden in Szene gebracht hatte, da dieser sich nur sehr oberflächlich an den Comics orientierte. Kurzerhand entschloss man sich die Serie komplett neu aufzusetzen, da man auch nicht auf die bisherigen Schauspieler setzen konnte. Aus dem gleichen Grund konnte Spiderman auch kein Mitglied der Avengers Initiative sein, da es ihn eigentlich offiziell in den Columbia/Marvel Verfilmungen noch nicht gab, so dass eine Neuverfilmung ein absolutes Muss wurde. Mit einer deutlicheren Anleihe an den originalen Comics versucht nun Regisseur Marc Webb das Netz der Spinne zu dirigieren, was ihm erstaunlich gut gelingt. Aber hat er es mit seinem realistischeren, bodenständigeren Ansatz auch geschafft die bunte Pop Oper der vergangenen Trilogie zu überbieten?

 

Peter Parker (Andrew Garfield) ist ein Außenseiter, der von seinen Mitschülern gemieden oder gar geschlagen wird. Die einzigen Momente, in denen er aufblüht, sind die Gespräche mit seiner Jugendliebe Gwen Stacy (Emma Stone), was aber viel zu selten vorkommt für seinen Geschmack. Zu Hause wächst er bei seinem ehrenwerten Onkel Ben (Martin Sheen) und der herzlichen Tante Mae (Sally Field) auf, nachdem seine Eltern ihn aus unbekannten Gründen verlassen haben. Eines Tages findet er eine alte Aktentasche seines Vaters, die ihn neugierig macht, die Wahrheit über das rätselhafte Verschwinden der geliebten Menschen herauszufinden. Seine Spuren führen ihn zu Dr. Curtis Connors (Rhys Ifans), der genetische Artenexperimente in den Laboren der Oscorp Gesellschaft durchführt, um mögliche Heilungen für schwere Krankheiten in der Menschheit zu entwickeln. Bei seiner heimlichen Suche findet sich Peter plötzlich in einem Spinnenlabor wieder, wo er von einer mutierten Spinne gebissen wird. Sein Körper macht eine rasende Verwandlung durch, die Fähigkeiten einer Spinne scheinen sich in seine DNA gepflanzt zu haben, inklusive übermenschlicher Reflexe. Er bastelt sich selbst Wurfschleudern, um sich an Gegenständen festhalten und schwingen zu können und kreiert einen Heldenanzug, der ihm Anonymität verleihen soll. Als ein schreckliches Schicksal Peters Leben heimsucht, schwört er Rache und macht sich auf die Suche nach dem Verbrecher. Doch schon bald muss er erkennen, dass Spiderman für die Menschen mehr sein kann, als nur ein Racheengel und Gejagter von Polizeichef Captain Stacy (Denis Leary). Peter versucht zu lernen, sich seinen Verantwortungen zu stellen, was auch bitter nötig ist, denn das Gefühlschaos mit Gwen und eine riesige und tödliche Echse, die New York bedroht, halten ihn auf Trab. Schließlich hängt die Sicherheit der ganzen Stadt und der geliebten Menschen von ihm ab, als es zum Showdown kommt.

 

 

Gleich in den ersten Minuten merkt man überdeutlich, dass dieser Film nicht mehr den problemfreien Ansatz der ersten Trilogie wiederspiegelt, sondern einen deutlich düstereren Weg verfolgt. Peter Parker ist nicht mehr der ewig schmachtende und leidende Jugendliche, den wir kennen und den wir spätestens nach dem dritten Teil der vergangenen Trilogie nicht mehr sehen konnten. Stattdessen wird uns ein schüchterner junger Mann präsentiert, der genau das wiederspiegelt, wofür der Charakter immer schon gestanden hatte: Er ist einer von uns. Es war immer schon das Besondere an Spiderman, dass er bodenständig und normal ist, menschliche Probleme besitzt und als Beispielfaktor dient, wie man seine Probleme überwinden kann. Genau das ist es, was The Amazing Spiderman auszeichnet, er fühlt sich wie ein echter Spiderman an, so wie man ihn erwartet. Der Flair und die Atmosphäre des Streifens sind bodenständig und realistisch, was den beispielhaften Effekt, den der Held versprüht, umso deutlicher hervorhebt. Man leidet und freut sich gerne mit Peter Parker, fühlt sich ihm nahe und verbunden, wie mit einem Freund. Marc Webb nimmt sich sehr viel Zeit die menschliche Entwicklung von Peter Parker zu portraitieren, wobei man mit so mancher kleinen Länge leben muss, aber alles in allem ein sehr rundes Bild dieses schüchternen Jungen bekommt.

 

Andrew Garfield und Emma Stone sind die tragenden Darsteller des Actionfilms und erfüllen ihre Rollen absolut großartig. Das Besondere an dieser Spiderman Version, im Vergleich zu seinen Vorgängern, ist die realistische Bezioehung der beiden Figuren. Gwen Stacy ist nicht nur ein blondes Püppchen, das bei jeder sich bietenden Gelegenheit schreiend gerettet werden muss, sondern ein echter Mensch mit Bedürfnissen und einer unnachahmlichen Stärke. Emma Stone bringt diesen Charakter hervorragend zur Geltung, und es wird schnell klar, wieso Peter Parker so fasziniert von seiner Mitschülerin ist. Andrew Garfield ist der ideale Spiderman, ohne Diskussion. Er perfektioniert die schüchterne Art Peter Parkers, wirkt niemals übertrieben dramatisch in den entscheidenden Momenten, sondern immer treffend real. Der Zuschauer hat das Gefühl, dass es ihn selbst trifft, wenn Peter etwas Schlimmes widerfährt, und das kommt bei dieser Version öfter vor, als es der Spiderman Kenner bisher im Kino gewohnt war. Gleichzeitig ist Garfield aber auch auf eine schüchterne Art charmant und liebenswert, dass man ihm alles Glück der Welt gönnt, natürlich am liebsten mit seiner Angebeteten.  Es ist einfach unverkennbar, welch großartige Chemie zwischen den beiden Darstellern herrscht und sich schließlich auch vor die Kamera transportiert hat.

 

 

Eigentlich könnten Stone und Garfield den Film auch alleine tragen, aber eine ganze Reihe hervorragender Nebendarsteller erweitern dieses feine Ensemble. Rhys Ifans mimt uns Dr. Connors, in seiner ganzen Zerrissenheit zwischen Zwang und Selbsthilfe, sehr glaubhaft. Es ist immer schwierig für einen Schauspieler einen eigentlich sympathischen Charakter ins Unglück fallen zu lassen, vor allem, wenn man so viel Verständnis für seine Situation aufbringen kann, wie in diesem Fall. Martin Sheen und Sally Field bilden den Rückhalt für Peter Parker, indem sie die liebevollen Verwandten gewohnt sicher darstellen. Einige unfreiwillig oder gewollt witzige Momente ereilen uns bei Denis Leary, der Gwens Vater und Polizeichef Captain Stacy spielt. Mit viel Selbstironie und Humor entwickelt sich diese Figur fast schon zum lustigsten Part des ganzen Films, und auch zu einem der sympathischsten. Denn allzu viel Witz darf man in The Amazing Spiderman nicht erwarten, was auch gut so ist, hätte zu viel Scherz das Flair des Films in eine falsche Bahn gebracht. Eine Sache muss allerdings noch erwähnt sein, weil ich hell auflachen musste, als sie geschah: Stan Lees obligatorischer Gastauftritt, den er in jedem Marvel Superheldenfilm einbringt, ist auch hier wieder gigantisch gut gelungen!

 

Bleibt nur noch eine wirklich große Frage offen, die beantwortet werden muss: Ist diese neue Verfilmung besser oder schlechter als der zehn Jahre alte Vorgänger? Es ist wichtig, dass man beide Filme mit der Würdigung betrachtet, die sie verdienen. War Sam Raimis Version eher kunterbuntes Popcornkino mit Fun und Flair, so ist diese neue Version menschlich, realistisch und dunkel geraten, mit  starker Atmosphäre und deutlich charismatischeren Schauspielern. Welcher Variante der Zuschauer nun seinen Vorrang lässt, muss letztlich jeder selbst entscheiden. Beide Filme haben klare Schwächen, aber auch deutlich hervorzuhebende Stärken und gehen beinahe völlig different mit dem Ansatz des Themas um. Man hat bei der Urversion beispielsweise nie das Gefühl, dass etwas dramatisch Furchtbares passieren könnte, was unumstößlich sei. Im Gegenteil, schließlich kriegt man ein völlig überdrehtes Werk vorgesetzt, das auf Extreme setzt. Die Welt von The Amazing Spiderman zeigt sich von einer völlig anderen Seite, da Peter Parker deutliche und vor allem echte menschliche Schwächen besitzt, mit denen er in sich kämpfen muss und nicht nur gezwungene vorgeschobene „Weicheiattacken“ zelebriert wie seinerzeit Tobey Maguire. Es ist wirklich erfrischend, wie ehrlich die Drehbuchautoren mit ihren Figuren umgegangen sind und sie nicht nur simple Funktionen runterspulen lassen.

 

Fazit:

The Amazing Spiderman ist ein großartiger Film, Reboot hin oder her. Natürlich bringt er die eine oder andere Schwäche mit sich, wie z.B. einige kleine Längen, Logikpatzer oder auch der viel gescholtenen 3D Effekt, der in erster Linie zur Rechtfertigung des höheren Eintrittspreises gilt. Aber trotz und alledem erleben wir den besten Spiderman aller Zeiten, die Version aus dem Jahr 2000 kann einpacken. Nicht weil der Film damals schlecht war, sondern, weil sich erst mit Andrew Garfield (danke, dass ich in meinem Kopf endlich einen wirklichen Spiderman sehen kann und nicht Tobey Maguire…) und der direkten Beteiligung von Marvel der echte Spiderman an die Oberfläche traut. Es ist ein sehr gelungenes Remake, das den Vorgänger in die Schranken weist und uns hoffentlich noch viel weiteren Spaß in zukünftigen Filmen beschert.

 

Persönliche Meinung:

Spiderman ist und bleibt für immer mein Lieblingsheld aus allen Comicuniversen. Nicht weil er der größte Haudrauf ist oder besondere Tricks beherrscht, sondern weil er in seiner Menschlichkeit und Verletzlichkeit glänzt und erst dadurch zu einem Helden wird. Ich habe stets viel von mir selbst in Peter Parker wiederentdeckt, was mir mit keinem anderen Held so ergeht, und somit ist es für mich ein Hochgenuss seine Entwicklung vom schüchternen Streber, zum größten Helden New Yorks zu erleben. Und das ganz besonders in dieser Version des Films, weil erst hier der wahre Spiderman mit all seinen Schwäche und Problemen zu Tage kommt und sich vor aller Welt entblößt. Genau das ist es, was einen wahren Helden ausmacht. Es geht nicht nur um die Fähigkeiten oder den Anzug oder sonstige klassische Superheldeneigenschaften, sondern um die Überwindung der inneren Kämpfe und der Erkenntnis von Mut und Verantwortung. Und das gelingt in diesem Film auf eine unnachahmlich geniale Weise, so dass das ganze Actionspektakel nur zur Krönung eines gelungenen Kinoabends dient. Liebhaber von buntem Pop Kino dürfen gerne eine halbe Note abziehen, aber für mich war der Film ein Erlebnis, das sich jeden der acht Punkte verdient hat.

Rating: ★★★★★★★★☆☆ 

 

Fakten:

Regie:  Marc Webb

Darsteller:  Andrew Garfield, Emma Stone, Martin Sheen, Rhys Ifans, Sally Field, Denis Leary

Filmmusik:  James Horner

Budget: $215Mio.

Deutscher Kinostart:  28. Juni 2012

 

 

Quellen:  Internet Movie Database, Box Office Mojo, The Hollywood Reporter, filmofilia.com

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The Amazing Spiderman, 8.7 out of 10 based on 3 ratings


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Eine Antwort to “The Amazing Spiderman”

  1. Sebi sagt:

    Hätten sie bloß das Ende nicht nochmal durch den Weichspüler gedreht … *seufz* Ansonsten grandioser Film 🙂

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