Panik in Hollywood!

 

Filme werden verschoben, Budgets gekürzt oder gestrichen. Was geht vor in Hollywoods Filmfabriken?

 

In der Stadt der Träume herrscht hellste Panik! Beinahe jeder große Blockbuster, der es in diesem Jahr in die Kinos geschafft hat, wurde schnell von der Realität eingeholt und spielte nicht die gewünschten Beträge ein. Die meisten dieser Filme konnten unglücklicherweise auch noch auf ein exorbitantes Budget zurückgreifen, das nun große Lücken in die Brieftaschen der Hollywood Studios reißt. Die ersten Reißleinen werden bereits gezogen, so hat Paramount G.I. Joe 2 auf den März nächsten Jahres verschoben, um dem Actionstreifen doch noch den 3D Effekt zu spendieren, damit er an den Kinokassen dann mehr einbringen kann. Gore Verbinski muss den Gürtel für seinen Indianerfilm The Lone Ranger, mit Johnny Depp in der Hauptrolle, ebenfalls deutlich enger schnallen. Zunächst war geplant eine halbe Westernstadt selbst zu errichten, jetzt werden die passenden Szenen in Studios gedreht oder ganz gestrichen. Der Disney/Pixar Hit Brave hatte einen sehr guten Start, doch reichte dies den extremen Erwartungen der Geldgeber nicht und die Disney Aktie fiel am kommenden Tag in sich zusammen. Mehr und mehr Nachrichten von Streichungen oder ganzen Einstampfungen von vielversprechenden Projekten kommen ans Tageslicht und verwundern den Kinogänger. Woher kommen diese Panik, diese extremen Erwartungshaltungen und vor allem wie will es Hollywood schaffen diesen Teufelskreis zwischen Budget und Erwartungen zu überwinden?

 

Doch zunächst widmen wir uns den bisherigen Flops dieses Jahres und versuchen den Gründen etwas näher zu gelangen. Eigentlich hatte das Jahr ganz gut angefangen, hatte uns Jennifer Lawrence  in The Hunger Games eingeheizt und gute Zahlen ins Land der Traumfabrik gebracht. Es folgte The Lorax, der ebenfalls sehr erfolgreich lief. Doch dann brachte Disney mit John Carter den ersten Film heraus, dessen Budget mit $250Mio. jeden Rahmen sprengte. Mit dem Newcomer Taylor Kitsch in der Hauptrolle musste dieser Film einfach erfolgreich werden, um Disney vor einem Debakel zu retten. Um die weiteren Kosten einigermaßen in Grenzen zu halten, sparte der Konzern in der folgenden Marketingkampagne und zerriss sich damit jeden noch so kleinen Traum, in den USA erfolgreich sein zu können. Der US Amerikanische Kinobesucher lässt sich sehr leicht mit einer starken, oberflächlichen Werbekampagne ködern, doch köchelt sie bei einem Actionfilm dieser Art eher auf Sparflamme, rächt sich das sofort in den Ticketverkäufen. Die Qualität des Films John Carter ist durchaus lobenswert, doch hat ihn das nicht vor der schlechten Promotion gerettet, die in der Folge zu einem Megaflop  in den USA ausartete. Ein weiteres Beispiel ist der Actionkracher Battleship (wieder mit Taylor Kitsch, Kosten: $209Mio.), der ins Kreuzfeuer der Avengers geraten war. Marvels Superheldenepos hat samt und sonders alle Rekorde gebrochen, die man brechen konnte und begrub die Konkurrenz an den Kinokassen. Ein weiteres Opfer war Dark Shadows (Kosten: $150Mio.) von Regisseur Tim Burton, dem selbst der Depp-Faktor nicht mehr vor dem Untergang helfen konnte. Es folgten Wrath of the Titans, Mirror Mirror, Rock of Ages und Ghost Rider 2, die allesamt ein hohes Budget besaßen und diesem an den Kassen letztlich nicht gerecht werden konnten. Selbst Snow White and the Huntsman geriet trotz halbwegs ordentlicher Zahlen in die Kritik, da auch hier das Budget um Längen überzogen wirkte.

 

Die Studios verloren Millionen Dollar an Einnahmen und entsprechend macht sich nun Panik breit, wenn es gilt, große Blockbuster mit hohen Budgets zu veröffentlichen. So mancher Film wurde in seinem Zeitplan verschoben, um möglicher Konkurrenz aus dem Weg gehen zu können. Die spürbare Angst durchzieht das Mediengenre, dass man den Markt der Konsumenten falsch eingeschätzt haben könnte. Denn wenn man sich die meisten Filme dieser Liste ansieht, dann fallen zwei Dinge auf: Großes Actionfeuerwerk und Megabudget. Es schien so einfach geworden zu sein, einen erfolgreichen Film zu drehen, man musste nur einem halbwegs talentierten Regisseur $200Mio. geben, irgendein Skript zimmern, auf 3D Effekten bestehen und ihn machen lassen. Doch jetzt scheinen die Hollywood Bosse so langsam aus diesem Traum aufzuwachen und müssen feststellen, dass der Kunde nicht so einfach an der Nase herumzuführen ist. Letztlich ist es nämlich nicht das Budget, das Kinotickets verkauft, sondern die qualitative Umsetzung des Gezeigten. Wer sich die Skripts von Filmen wie Battleship oder Wrath of the Titans angesehen hat, wird vor Schreck davongelaufen sein. Spezialeffekte hin oder her, diese Filme waren einfach nur schlecht und man konnte es ihnen auch anmerken, wenn man nicht vollkommen blind im Kino saß. Wie ist es möglich über $150Mio. für einen Film auszugeben, dessen inhaltliche Qualität nicht einmal einen Sechsjährigen überzeugen kann? Dass Hollywood in den letzten Jahrzehnten, seit Filme wie Matrix die Welt der Special Effects neu definiert haben, vielfach zu einem Konsumsystem geraten ist, das nur versucht die „WOW“ Reflexe des Menschen zu ihrem Profit zu nutzen, ist keine neue Theorie. Neu daran ist eigentlich nur, dass dieses Konzept im Augenblick einen sehr langsamen und qualvollen Tod erleidet und urplötzlich nicht mehr das Geld da ist, um mehr zu produzieren. Das Jahr 2014 wird einen rapiden Schwund an oberflächlichen Actionkrachern zeigen, stattdessen werden wir höchstens mit sicheren Sequels oder beliebten Themen/Darstellern beschäftigt werden.

 

Es gibt allerdings noch einen weiteren Grund, der sich ebenfalls in den Bereich der deutlichen Fehlinterpretation des Kinopublikums von Seiten der Macher stellen lässt. Die Themen heißen „3D“ und die entsprechenden Preiserhöhungen an den Kinokassen. Als Avatar 2009 erschien, haben die Studios gejubelt, weil das unendlich scheinende Geldpotential von 3D plötzlich in den Raum fiel. Durch diese neue Technik konnten höhere Eintrittspreise gerechtfertigt werden, was im Gegenzug auch bedeutete, dass man mehr Geld in die Produktion von Filmen pumpen konnte. Der Kinobesucher selbst wurde bei diesem Vorgang vollkommen ignoriert. Man wollte ihn für dumm verkaufen und ihm weismachen, dass ein Film in 3D mehr Geld wert und das „Neue“ viel besser sei. Bei manchem Film (Avatar, Tron: Legacy) ist das auch vollkommen gerechtfertigt, doch bei den meisten Produktionen ist ein Drüberlegen von 3D Effekten lediglich eine legale Methode, dem Kunden ohne jeden Mehrwert mehr Geld abverlangen zu können. Es wurde zur Mode, dass beinahe jeder Actionfilm die neue Technik haben musste. Es machte sich aber noch ein zweites Problemfeld auf, da der Kinobesucher seiner Freizeitbeschäftigung nun nicht mehr breitflächig, sondern äußert selektiv nachgehen musste, wenn er nicht seine gesamten Ersparnisse investieren wollte. Hatte man früher das Bedürfnis einfach mal loszuziehen, um vor Ort zu schauen, was man sich mit seinen Freunden anschauen könnte, so überlegt man sich bei diesen Preisen heutzutage ganz genau, welcher Film das Geld auch wirklich wert ist. Alle neuen Filme werden es sicher nicht sein, so dass eine große Menge wegfällt, was wiederum zu großen Verlusten bei den Studios führt.

 

Was unterscheidet The Avengers aber nun vom ganzen Rest, der dieses Jahr anlief? Kinobesucher lieben Superhelden, das dürfte nach der Filmwelle der letzten Jahre jedem klar geworden sein. The Avengers war nichts anderes als eine Zusammenführung der beliebtesten Charaktere der letzten Kinojahre, gepaart mit gigantischen Effekten und mit Charme und Humor gewürzt. Der Film war weder innovativ oder wegweisend, noch sonderlich originell oder kompliziert erzählt. Er hat sich eigentlich nur bemüht, nicht vollkommen dem Zweck zu verfallen und blieb logisch und strukturiert. Diese Mischung war wie ein Pheromon für jeden Menschen, der seinen Spieltrieb nicht gänzlich aufgegeben hat und sein Gehirn im Kino über weite Strecken trotzdem gerne benutzt. Gleichzeitig scheute das Publikum das Risiko der anderen Filme, die sie eventuell auf Wege gebracht hätten, die noch nicht ausgetreten waren, wie bei Dark Shadows. Wenn der durchschnittliche Besucher die Wahl zwischen Sicherheit und Neugierde/Risiko hat, wählt er in den meisten Fällen immer den sicheren Weg, es sei denn das Neue ist interessant genug. Aus diesen Gründen wurde es den Avengers erst möglich, die Konkurrenz vollkommen zu deklassieren und selbst Filme, die über akzeptablen Inhalt verfügten, hinter sich zu lassen. Wenn man sich die Liste der verbleibenden Action Blockbuster, die uns dieses Jahr noch erwarten, vor Augen führt, dann fällt auf, dass es kaum einen darunter gibt, der ein Risiko darstellt. The Dark Knight Rises, Total Recall, Resident Evil 5, Bourne 4 usw usw sind alles absolute verlässliche Hits, da das Publikum bereits über genug Kenntnisse verfügt, um sich der Qualität sicher zu sein.

 

Die Hollywood Studios reagieren vollkommen übertrieben und falsch auf die teils unglücklichen, teils fehlgedeuteten Umstände dieser Flopserie. Natürlich geht es um immense Geldsummen, die man nicht unter den Tisch fallen lassen kann und Konsequenzen sind nötig. Doch sollte man jetzt anfangen die Probleme richtig zu erkennen und entsprechend richtig darauf zu reagieren. Die Budgets der Filme sind teilweise vollkommen überzogen, es wird kaum Wert auf gute Skripte gelegt, Produktionswege werden nicht konsequent zu Ende gegangen und letztlich mangelt es an Innovation. Zudem kommen überzogene Preise für häufig unnötige 3D Effekte, die der Zuschauer nur noch selektiv zahlen möchte. Das alles klingt aber auch seltsam vertraut in meinen Ohren, so dass ich mich fragen muss, ob es so schwer sein kann, endlich aus diesem Traum aufzuwachen, dass es so etwas wie sichere Hits außerhalb der Sequel Schleife nicht geben könnte. Warum werden Christopher Nolans Filme zu den besten Werken der Hollywood Geschichte gezählt? Weil es nicht die Effekte sind, die er priorisiert, sondern die Innovation und die Intelligenz seiner Filme. Der Erfolg gibt ihm Recht! Natürlich kann nicht jeder Film ein Meisterwerk der Nolan-Klasse sein, aber ich vermisse ein grundsätzliches Streben nach Logik und Feingefühl in den Filmen unserer Zeit. Ich habe selten Filme gesehen, die die Intelligenz seiner Zuschauer derart beleidigt haben, wie Battleship oder Snow White and the Huntsman es taten. Die Tatsache, dass nicht nur ich das so sehe, sondern sich auch an den Kinokassen wiederspiegelt, ist ein deutliches Zeichen an Kinoproduzenten, dass es an der Zeit ist, endlich mehr Mut zum Intelligenten zu beweisen. Es bleibt allerdings die Befürchtung, dass sich nicht allzu viel um diesen Bereich gekümmert werden wird, sondern stattdessen lieber Sündenböcke den Kopf herhalten müssen, die nur nicht weitsichtig oder mutig genug gewesen sind. Und letzten Endes müssen wir Zuschauer das Ganze dann ausbaden, indem wir uns mit 3D Aufschlägen und Sicherheitsfilmen begnügen dürfen. Leider bestätigt das den Trend des Rückgangs der Innovation der letzten Jahrzehnte in Verbindung mit dem Aufschwung wirtschaftlicher Interessen, die der Kreativität mehr als einmal einen Strich durch die Rechnung machen. Denn dass dort draußen Drehbücher und Ideen bestehen, die das Kino bereichern würden, steht außer Frage, es braucht nur den Mut sie anzugehen, auch ohne 3D Effekt. Es gab tatsächlich mal eine Zeit, an der der Wille dem Zuschauer etwas Besonderes zu zeigen, im Vordergrund stand und nicht sein Geldbeutel.

 

Quellen:  Box Office Mojo, Internet Movie Database, The Hollywood Reporter

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