Total Recall

 

Die Zukunft ist in Aufruhr!

 

 

Die Zeichen standen eigentlich sehr gut, dass Total Recall ein sicherer Hit werden würde. Regisseur Len Wiseman (Underworld, Stirb Langsam 4.0) war an Bord, seine Ehefrau Kate Beckinsale ebenso, die immer für einen Hit gut ist. Dazu kamen Publikumsliebling und Bad Boy Colin Farrell, die actionerprobte Jessica Biel und die kultige Frau mit den drei Brüsten aus dem Original mit Arnold Schwarzenegger. Jetzt war es nur noch die Aufgabe des Teams ein würdiges Remake des Klassikers von 1990 zu erschaffen, das sowohl die futuristische Endzeitatmosphäre, als auch die spektakuläre Action und den zweifellosen Charme einfangen kann. In so manchem Bereich ist dies durchaus gelungen, doch mangelt es dem Film an einigen wichtigen Ecken, die in der folgenden Rezension aufgedeckt werden.

 

Doug Quaid (Colin Farrell) ist ein Fabrikarbeiter in einer nicht allzu fernen Zukunft, der sich für sein Leben mehr wünscht als die einfache Struktur des Alltags. Jeden Tag fährt er von den Kolonien Australiens mit Hilfe eines riesigen Aufzugs, genannt „Der Fall“, durch die Mitte der Erdkugel nach Großbritannien, wo er für die Föderation Roboter montiert. Die beiden Erdteile sind die letzten bewohnbaren Flecke des Planeten und könnten nicht verschiedener sein. In der Kolonie leben die armen Arbeiter, in der Föderation die reichen Geschäftsleute und Politiker. Quaid fühlt sich zu Höherem berufen, eine Ansicht, die seine Frau Lori (Kate Beckinsale) nicht teilt. Eines Tages entschließt er sich zu einem Besuch bei „Rekall“, einer Organisation, die mit Hilfe von Gedächtnismanipulation für kurze Zeit Träume und Phantasien wahr werden lässt. Bei der Prozedur geht jedoch etwas dramatisch schief und Quaid muss vor der Polizei fliehen, die ihn als Mörder und Verbrecher jagt. Zu Hause angekommen stellt sich heraus, dass sein Gedächtnis bereits vor dem Eingriff manipuliert worden ist und er eine vollkommen andere Person ist, als er zu glauben scheint. Seine vermeintliche Ehefrau versucht ihn zu töten, so dass er fliehen muss und bei der Rebellion gegen die Obrigkeit Unterschlupf findet. Dort scheint er ein bekanntes Gesicht zu sein, vor allem für Freiheitskämpferin Melina (Jessica Biel) und Terroristenführer Matthias (Bill Nighy), die glauben, dass er wertvolle Informationen bei sich trägt, die ihre Rebellion retten können. Quaid/Hauser versucht daraufhin alles, um herauszufinden wer er wirklich ist und auf wessen Seite er eigentlich steht, denn Lori und ihr Boss Cohaagen (Bryan Cranston) sitzen ihm dauernd im Nacken.

 

Die große Stärke von Total Recall ist seine Atmosphäre und die gelungene Darstellung der futuristischen Zukunft. Fliegende Appartmenteinheiten, überall bunte Schilder und verrückte Menschen in den Kolonien und technisch hoch entwickelte Maschinen, Roboter und futuristische Fahrzeuge und Gebäude in der Föderation. All das fühlt sich richtig an, als wenn die Wahrscheinlichkeit auf so eine Zukunft durchaus bestehen kann. Die Art und Weise, wie sich die Figuren durch die Welt bewegen, ist ebenfalls sehr flüssig und spiegelt eine Vertrautheit wieder, die die Atmosphäre stärkt. Die Spezial Effekte, die diese Welt glaubhaft wiedergeben, sind von beachtlicher Qualität und gestochen scharf. Es ist fast ein kleines Wunder, dass Total Recall ohne 3D Effekt produziert wurde, hier hätte sich das tatsächlich gelohnt.

 

Einige Worte zu den Charakteren und ihren Darstellern, bevor wir zum unangenehmen Teil übertreten. Quaid/Hauser ist die zentrale Figur des Films und wird von Colin Farrell ordentlich gespielt. Farrell ist sicherlich nicht für seine Bandbreite an Gesichtsausdrücken bekannt, doch verleiht er Hauser den gehetzten, stets wachsamen Charakter, den er benötigt. Die Figur selbst bleibt, wie alle anderen auch, auf eine oberflächliche Art blass, von daher konnte der Schauspieler nicht viel falsch machen. Kate Beckinsale mimt die durchtriebene, fast schon diabolische, und extrem heiße Lori, die Hauser das Leben mehr als schwer macht. Die erfahrene Action Heroine zeigt sich hier von ihrer fiesen Seite, was durchaus gelingt, zumindest in den Momenten, in denen sie nicht von den unfassbar dummen Dialogen, ihrer schlechten neue Synchronstimme oder der nicht vorhandenen Logik ausgebremst wird. Ähnliches gilt für Jessica Biel, die ganz klar festhält wen sie spielt und das auch gut rüberbringt. Leider besitzt auch diese Figur nur diese eine Schicht, in dem Fall die der rebellischen Kämpferin, so dass man nicht zu viel erwarten darf. Bryan Cranstons und Bill Nighys Rollen kann man diplomatisch mit dem Wort „kurzweilig“ umschreiben, besitzen sie weniger Leinwandzeit als die gesamte Autoverfolgung gedauert hat. Gerade bei Bill Nighy ist das sehr unverständlich, schließlich ist er ein großartiger Schauspieler. Doch taucht er nur in einer Szene in persona wirklich auf, darf etwas zumindest einigermaßen Intelligentes sagen und taucht dann direkt wieder ab. Eine völlig unverständliche Designentscheidung.

 

Total Recall besteht grundsätzlich nur aus Actionszenen und Special Effects. Ganz ganz selten kommen dem Geballer Dialoge in den Weg, die dann auch noch eine so peinliche Dummheit besitzen, dass es weh tut. Es war zu erwarten gewesen, dass der Film versucht, sich zunächst einmal zu entwickeln, die Welt darstellt und die Figurenkonstellationen in einen Zusammenhang bringt. Doch davon war kaum etwas zu spüren, das muss alles neben dem Kugelhagel geschehen, der dem Zuschauer ohne Unterbrechung um die Ohren fliegt. Hat man einen Status Quo dann doch einmal erreicht, beispielsweise das Verhältnis von Hauser und seiner Frau, wird es so früh wieder durchbrochen, dass man als Zuschauer nur noch versuchen kann, sein Gehirn vor so viel Strukturlosigkeit zu schützen. Das ist auch dringend anzuraten, wenn man Spaß an diesem Film haben möchte. Tiefe bei Handlung oder Charakteren sucht man vergeblich, ebenso einen strukturierten Handlungsstrang. Ich weiß bis jetzt nicht, was Hauser und Melina eigentlich die ganze Zeit Sinnvolles gemacht haben, neben dem Verstecken und Weglaufen, irgendwie war da nicht viel.

 

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Zusammenfassung der wichtigsten Dialogzeilen:

Sie: „Du erinnerst dich an nichts?“

Er: „Ich erinnere mich an gar nichts.“

5min später

Sie: „Erinnerst du dich nicht an mich?“

Er: „Nein ich erinnere mich nicht.“

5min später

Er: „Ich habe dich schon einmal gesehen!“

Sie: „Du erinnerst dich!“

Er: „Nein ich erinnere mich nicht. Ich habe dich nur schon einmal gesehen.“

5min später

Er: „Hier erinnern sich alle an mich, aber ich kenne keinen.“

Sie: „Du erinnerst dich wirklich nicht?“

Er: „Nein, ich kann mich nicht erinnern.“

 

Doch noch viel schlimmer als diese vollkommen dominierende Oberflächlichkeit und Strukturlosigkeit sind die kaum mehr zählbaren Logiklücken. Philipp K. Dick, der Autor der Buchvorlage, unter dessen Feder auch The Adjustment Bureau, Minority Report oder Blade Runner entstanden sind, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er so manche Wendung erklärt bekäme, die der Film liefert. Es beginnt schon mit der Unlogik des „Falls“, dem Aufzug der DURCH den Erdkern in 17min (!!!) von Australien nach Großbritannien fährt und dabei nur am Midpoint einen kleinen Moment der Schwerkraft erreicht. Science Fiction in allen Ehren, aber selbst der realistische Bau des Raumschiff Enterprise, inklusive aller Details, ist einfacher zu erklären. Besonders schwerwiegend  ist mangelnde Logik, wenn sie die Charakterdefinition und entsprechende Beweggründe, sowie wichtige Wendepunkte betreffen. Der Film besteht aus einer wahren Anhäufung bereits breit getretener Wege und Klischees, die teilweise vollkommen gegeneinander arbeiten. Zwei einfache Punkte findet ihr im Spoiler Teil dargestellt, davon gibt es noch viele mehr.

 

Spoiler zeigen »

1.  Lori weiß zu Beginn nicht einmal wer Hauser in seiner Vergangenheit war. Später wird sie dann als Cohaagens rechte Hand dargestellt und erinnert sich ganz plötzlich viel  über den ehemaligen Agenten zu wissen. Entweder das eine oder das andere, aber beides gleichzeitig wird schwierig.

2.  Als Matthias versucht das Geheimnis aus Hausers Gehirn zu bekomme, stoßen sie auf eine Firewall, die ihre Position verrät. Da stellt sich sogleich die Frage, wie Cohaagen und Lori es mit einem Trupp Elitesoldaten nur 10sec später durch die Eingangstür schaffen, wenn sie vorher nicht einmal wussten, wo sie suchen sollten.

 

Es ist fast schon ein wenig unheimlich, wie offensichtlich so manche Schwäche aus dem Film hervorsticht. Jeder halbwegs begabte Zuschauer kann sich ein Dutzend Möglichkeiten ausdenken, wie man Zusammenhänge geschickter und logischer hätte lösen können. Es schmerzt eine solche Verschwendung von Potential mit ansehen zu müssen, selbst wenn der Film auf seine Weise unterhaltsam ist.

 

Fazit:

Total Recall besitzt eklatante Schwächen, mit denen ein anspruchsvoller Kinozuschauer niemals leben kann. Die maßlose Verschwendung von Möglichkeiten und Intelligenz ist erschreckend. Dennoch macht der Film auch viel Spaß, weil er dazu einlädt das Gehirn einfach auszumachen und auf Sparflamme die Action genießen zu können. Diese ist nämlich absolut großartig, wenn man in der Lage ist den kruden Rest zu ignorieren. Mit dem Original hat dieser Film nichts mehr gemein, er besitzt nicht einmal mehr eine Message, die muss irgendwo zwischen Explosion 345 und 378 verloren gegangen sein. Das ist unheimlich schade, schließlich bestehen Filme aus so viel mehr, und selbst weniger aufmerksame Zuschauer bemerken, dass hier etwas daneben gegangen ist, wenn sie das Kino verlassen.

 

Persönliche Meinung:

Mir haben die zwei Stunden im Kino Spaß gemacht, schwerwiegende Schwächen hin oder her. Die Zeit ging schnell herum, selbst wenn es mir schwer fällt, wirklich interessante Szenen rekapitulieren zu können. Der Film war nicht dafür gemacht, dass man sich an ihn erinnert, was extrem bedauerlich ist.  Am liebsten hätte ich den Drehbuchschreibern ihr Skript gnadenlos um die Ohren geschlagen, aber das erledigen die amerikanischen Kinozuschauer bereits für mich. Warum muss man solch erhebliches Potential dermaßen in den Sand setzen? Wäre es nicht viel besser gewesen, eine grundsolide Story zu erschaffen, in der sich die Charaktere auf logische Weise in ihren Strukturen mit Hilfe von gewieften Dialogen bewegen können? Wie unglaublich großartig wäre dann erst die Atmosphäre der jetzt schon klasse dargestellten Welt geworden! Es tut mir persönlich weh dem Film eine schlechte Note zu geben, weil ich mich wirklich unterhalten gefühlt habe. Von daher werte ich höher als es nach der Rezension zu erwarten gewesen ist. Liebhaber von anspruchsvollen Filmen und Struktur oder gar Logik dürfen gerne 1-2 Wertungspunkt darunter anwählen.

Rating: ★★★★★★☆☆☆☆ 

 

Fakten:

Regie:  Len Wiseman

Darsteller:  Colin Farrell, Kate Beckinsale, Jessica Biel, Bryan Cranston, Bill Nighy, Bokeem Woodbine, John Cho

Soundtrack:  Harry Gregson-Williams

Budget:  $125Mio.

Deutscher Kinostart:  23. August 2012

 

 

Quellen:  Box Office Mojo, Internet Movie Database, filmfutter.com

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