Quality TV-Serien – Eine Kurzdarstellung

 

Quality TV-Serien, die Innovationsmotoren des Fernsehens!

 

Seit der Jahrtausendwende hat sich in der Fernsehlandschaft eine Entwickelung gezeigt, die für viele nur eine Modeerscheinung oder die logische Fortsetzung des bereits vorhandenen Programms war. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich allerdings um ein komplett neues Konzept, das den Zuschauer mit Innovationen und Tiefgang verwöhnt und gleichzeitig eine enorme Sogwirkung ausübt. Die Rede ist von so genannten „Quality- TV Serien“, die auf beinahe jedem deutschen privaten Sender gezeigt werden, zumeist sogar zur Prime Time. Doch was ist eine Quality-TV Serie überhaupt und was macht sie so besonders? Der vorliegende Artikel wird sich mit dieser Frage auseinandersetzen und zudem klären worin sich die Innovation des Fernsehens zeigt und warum sie sich auf diese Weise entwickelt hat.

 

Doch zunächst einmal sei die grundlegende Frage geklärt, was sich hinter dem Begriff des „Quality-TV“ verbirgt und wie man damit in Berührung kommt. Der Name an sich verrät bereits, dass sich diese Formate auf einer qualitativ hohen Ebene abspielen, vor allem im Bereich des Tiefgangs, der narrativen Struktur und des Produktionsdesigns. Diese TV-Serien der Neuzeit haben in aller Regel ein hohes Produktionsbudget, das die privaten TV Sender der USA (z.B. HBO oder ABC) zur Verfügung stellen. Einige Beispiele für solche Serien:  Dexter, Mad Men, True Blood, The Wire, Prison Break, The Sopranos, Game of Thrones, 24, Lost, Dr. House, diverse Krimiformate wie Criminal Minds, CSI oder Castle, oder auch Arztserien wie Grey’s Anatomie, bzw. Formate wie die Gilmore Girls. All diese Serien haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: der Handlungsansatz ist sehr innovativ, sei es auf erzählerischer oder auf struktureller Ebene. Die Serie 24 beispielsweise war eine der ersten großen Formate der Neuzeit, da sie durch ihre einzigartige Zeitstruktur und Darstellungsgewandtheit eine enorme Spannung aufgebaut hat, der sich der Zuschauer nur schwerlich wieder entziehen konnte. Vorgänger der heutigen Quality-TV Serien sind beliebte Soaps wie z.B. Dallas in der 80ern oder in den 90ern die Serien Twin Peaks, Emergency Room oder Buffy – Im Bann der Dämonen. Auf dieser Grundlage gewann das Zuschauerinteresse an Fortsetzungsformaten wieder stark an Bedeutung und auch inhaltlich verfügten die Konzepte bereits über eine starke Grundlage.

 

Doch erst im neuen Jahrtausend konnte das neue Konzept den Durchbruch feiern und sich als eigenständiges Genre festhalten. Ein Grund dafür war auch das zunehmende Interesse renommierter Drehbuchautoren, die in diesen Serien eine Möglichkeit sehen, ihre Kreativität auf eine völlig neue Ebene zu bringen. Beispiele sind Alan Ball, der den Oscar für American Beauty erhielt und der Schöpfer von True Blood ist, oder auch David S. Goyer, der die Skripte zur Batman Reihe von Christopher Nolan mitentwickelte und die Serie Flash Forward schuf. Doch was ist denn nun eigentlich das Interessante, das Neue und Innovative, das diese Leute und auch uns als Zuschauer anlockt? Hier muss man an vielen Ecken ansetzen, da es sich um ein großes Gebilde handelt, das in sich geschlossen ist.

 

 

1.   Struktur

 

In den frühen Jahren des US TVs, als sie gerade die Radio Soaps ablösten, gab es noch keine Fortsetzungsserien wie heute. Stattdessen handelte es sich um episodenhafte
Strukturen, bei denen Grundbedingungen (Charaktere, Orte etc) erhalten blieben und sich nur die Episoden untereinander unterschieden. Heute jedoch bauen Folgen aufeinander auf, es ist wichtig geworden, dass man Geschehnisse in eine Gliederung oder Reihenfolge einordnen kann, um am Ball bleiben zu können. Hilfsmittel wie Rückblenden zu Beginn einer Folge, so genannte „Previously on’s“, unterstützen den Zuschauer dabei, die Übersicht zu behalten. Dies ist auch bitter nötig, würde die Komplexität so mancher Serie den Rezipienten sonst gnadenlos überfordern. Die Autoren planen eine Serie aber nicht nur von Folge zu Folge, sondern sehen ganze Staffeln oder im Extremfall gar die ganze Serie (wie z.B. bei Lost) als großes Konstrukt, in dem sie arbeiten und Handlungsebenen erschließen. Man könnte es sich als literarisches Werk vorstellen, in dem Episoden nur kleine Kapitel im großen Ganzen bilden und sich die Struktur erst im Laufe des Buches aufzeigt. So etwas nennt man einen story-arc, zu Deutsch Handlungsbogen, der sich durch die gesamte Staffel zieht und in sich geschlossen ist. Die Pläne der Autoren werden erst nach und nach aufgedeckt, orientieren sich aber immer an diesem Bogen.  Dem Zuschauer wird dadurch immer vermittelt, dass die Serie auf ein Ziel hinarbeitet und es sich lohnt dieses, trotz vieler Umwege, nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade in ganz extremen Fällen, wo sich z.B. der Umfang der Charaktere aus der Norm bewegt (z.B. The Wire) oder sich die Handlungsdichte unnormal zuspitzt (z.B. 24), ist es wichtig diesen Handlungsbogen niemals zu verlieren.

 

 

2.   Inhalt

 

Wie bereits erwähnt, besitzen solche Serien eine komplexe narrative Struktur, die das Kino in seiner Tiefe vielfach in den Schatten stellt. Wer sich die Serie Mad Men anschaut, wird in der Regel nur einen hart arbeitenden Familienvater sehen, der seine Frau ab und an betrügt und die Gesellschaft an der Nase herum führt. Doch die Figur des Don Draper, inklusive seiner Familie, ist auch ein Ebenbild der perfekten amerikanischen Familie der 60er Jahre und wird in mehr als einer Einstellung als Sinnbild einer Beispielfamilie aus einer von Drapers Werbungen gesehen. Er lebt praktisch in einer seiner Phantasien, mit dem Zusatz, dass Don Draper auch gleichzeitig noch eine höchst ethisch-existenziellreflexive Dimension des Menschseins in sich trägt, die den Zuschauer selbst immer wieder zur Reflexion der Serie und seiner eigenen Rezeption treibt. Häufig ist es auch der Handlungsort, der das entscheidende Moment darstellt, wie z.B. in Lost. Die verlassene Insel mit ihren Geheimnissen bewegt sich vollkommen außerhalb des Realitätsbewusstseins des Zuschauers und auch der Figuren. Die Autoren können nach Herzenslust mit Mitteln wie Flashbacks oder Flashforwards arbeiten, können allgemein an der Zeit manipulieren oder dem mystischen Bereich der Serie eine Form geben, die uns nur allzu real vorkommen kann. Wenn man dies nun mit den dichten Strukturen von Staffeln in Verbindung bringt, so haben wir ein Gebilde, bei der jede Szene, jeder kleine „beat“ einen bedeutungsschwangeren Unterton bekommt und die Serie vorwärts bringt. Stets sind Quality-TV Serien auch eine Quelle der Belehrung oder Moral, da sie in ihren extremen Ausprägungen unsere Realität mitunter besser zu fassen kriegen, als eine Dokumentation. Wenn man sich nun noch überlegt, dass eine Serie zwischen 600 und 900min Spielzeit pro Staffel besitzt, kann man sich ausmalen, welch kreativen und innovativen Raum sie im Vergleich zum Kinofilm bieten können.

 

 

3.   Produktionsästhetik

 

Die Pilotfolge von Lost hat den Privatsender HBO $12Mio. gekostet, eine Summe, die absolut über jede Grenze hinausschießt. Der Grund wieso es sich trotzdem gelohnt hat, die Serie durch sechs Staffeln laufen zu lassen, ist die komplette Struktur, die hinter einer solchen Serie steckt. Der wöchentliche Rhythmus hat den Zuschauer seit jeher an den Bildschirm gefesselt und tut dies mit Hilfe solcher Serien immer noch. Doch die Rezeption hat sich verändert, schließlich gibt es weitere Medien, die es zu beachten gilt, wie z.B. die DVD oder das Internet. An dieser Stelle haben sich die Produzenten große Mühe gegeben, dem Fan etwas zu geben, das seine Immersion noch weiter steigert und das Erlebnis einzigartig macht. DVD Boxen Beispielsweise haben nicht nur einen enormen Sammlerwert und bringen sehr starke Verkaufszahlen (z.B. 1,8 Mio. in den USA verkaufte Einheiten der ersten Staffel True Blood innerhalb kürzester Zeit), sondern können dem Zuschauer auch eine neue Sicht auf die Serie gewähren. Die Serie 24 erzeugt enormes Suchtpotential, wenn man sie wöchentlich schaut, weil man immer wieder wie in einer Achterbahn hineingeworfen wird. Doch als Besitzer der DVD Box ist man in der Lage die ganzen 24 Stunden im Leben des Jack Bauer am Stück verfolgen zu können, was zu einer komplett neuen Rezeption führt. Auch spezielle Features und Inhalte der DVDs finden großen Anklang in der Fangemeinde. Internet Streaming oder gar illegale Downloads sind ebenfalls ein großer Markt, der, besonders im ersten Fall, immer weiter zunimmt und die direkte Zugänglichkeit steigert. Auf Fanpages, Facebookseiten, Wikipages und vielem mehr, werden die Serien dokumentiert und vielfach sogar erweitert. Es wird über Cliffhanger von Staffelenden diskutiert bis die Tastaturen glühen und Möglichkeiten des Weiterführens spekuliert. Die Serien erreichen dadurch einen enormen Kultstatus, der sich bisweilen sogar in die Gesellschaft unserer Leben hinein verfolgt. Es entstehen Comicbände, Romane, Bildbände und so vieles mehr, dass es kaum mehr zu überblicken ist und den Kult in so hohe Ebenen hebt, dass man auch als Nichtfan aufmerksam werden muss. Es entwickelt sich eine Art kollektives Wissen um eine Serie, was dazu führt, dass sie auch außerhalb der Sendezeiten in den Köpfen der Zuschauer ihre Existenz fortführen. Es gibt keine größere Sogwirkungen und effektivere Werbung als Mundpropaganda und Kultstatus.

 

Bleibt nur noch die Frage, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte, nachdem doch eigentlich das Kino für derartige Innovationen zuständig gewesen ist. Zum einen wurde die Frage bereits über die einzigartige Struktur des Quality-TV beantwortet, die einfach mehr Raum für die Entwicklung von Kreativität bieten kann. Zum anderen ist dieses Format auch ein aus der Not geborenes, da die US Fernsehsender durch das Aufkommen des Internetfernsehens/-streamens in äußerste Bedrängnis gerieten. Der Zuschauer war durch diese Online Möglichkeiten darauf ausgerichtet stets schnell Zugang bekommen zu können, was dem wöchentlichen Rhythmus einer Serie konträr stand. Die Formate mussten ein Interesse beim Zuschauer wecken und erhalten, das nicht über bekannte Boulevardserien oder ähnliches geschaffen werden konnte. Den Zuschauer sehnte es nach Anspruch, nach Überforderung und einer Möglichkeit für kurze Zeit einer alternativen Realität beizutreten , in der in seiner komplexen Denkweise nicht verkümmern würde. All das schafft das Quality-TV mit seiner kreativen Nutzung des Immersionsfaktors und dem steten Versprechen mehr bieten zu können, als der Zuschauer zu vertragen in der Lage ist. Wir Zuschauer in Deutschland profitieren enorm von dieser Entwicklung und haben die Serien unserer Zeit zu einem festen Kulturprogramm adaptiert, das kaum noch wegzudenken ist. In der Forschung spricht man gar von einem zweiten goldenen Zeitalter der Fernsehproduktionen. Wie sich diese Entwicklung fortsetzen wird und ob uns diese Form der Qualität erhalten bleiben wird, bleibt abzuwarten. Allerdings haben die Zuschauer großen Gefallen am anspruchsvollen Fernsehen gefunden und es ist kaum vorstellbar, dass es davon noch einmal einen Weg zurück geben wird.

 

Quellen:  Internet Movie Database, rufzeichen-online.de, missprescottpresents.com, matrixagents.org, hulza.com

 

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