Menschliche Verrohung durch respektlose Filmgewalt

 

Hat der Mensch einen entscheidenden Punkt der Abstumpfung überschritten?

 

Gewalt war immer ein Teil der Filmlandschaft, von abgeschnittenen Pferdeköpfen in den 70ern, bis hin zur expliziten Darstellung von Serienkillern unserer Generation. Es hat sich jedoch eine Veränderung breit gemacht, die ich für sehr bedenklich, wenn nicht gar gefährlich, halte. Die Abstumpfung vor allem junger Menschen ist enorm angestiegen, so dass sich nicht nur die zumutbaren Gewaltgrenzen verschoben haben, sondern auch ein moralisches Loch entstanden ist, das junge Konsumenten durch eigenen Intellekt selten selbst wieder schließen können.  Der gleichgültige Status, den Gewalt und Tod in Filmen eingenommen haben, betäubt unsere Gesellschaft und gaukelt ihr ein Gefühl von Realität vor, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Im Folgenden werde ich anhand von Beispielen deutlich machen, welche Rohformen von Abstumpfung ich im Detail meine und wie viele Fragen damit aufgeworfen werden, die alle nicht beantwortet werden können.

 

 

Zu Beginn aber ein Klarstellung, da sicherlich einige Leser mit den Hufen scharren, um filmische Gewalt bei Bedrohung meinerseits zu verteidigen. Sowohl Gewalt, als auch Tod, haben ihren Platz in Filmen und TV, manchmal sind sie sogar essentiell zum Verständnis oder tragen zur Atmosphäre bei. Ein Film wie Blade ist ohne explizite Gewaltdarstellung nicht vorstellbar und ist entsprechend auch gekennzeichnet. Die realistische Darstellung der Welt, Gesellschaft und der sozialen Dynamik in Game of Thrones wäre ohne diesen rohen Aspekt der Sterblichkeit und der steten Bedrohung durch Gewalt unmöglich. Dies sind nicht die Gewaltaspekte, die meine Analyse betreffen, da sie nötig und gekennzeichnet sind und den Tod zumeist auf eine respektvolle oder fantasievolle Weise handhaben. Vielmehr möchte ich mich auf die unnötigen Hervorhebungen von Tod und Gewalt der indirekten psychischen Beeinflussung konzentrieren und wie die Gesellschaft sich dadurch zu einem Zombiemythos entwickelt.

 

 

Bei der Analyse gibt es zwei Aspekte zu beachten. Zum einen ist es wichtig die Form von Gewalt in Filmen ab 12 zu betrachten, um dahingehend einen Status für Filme ab 16 treffen zu können. Des Weiteren braucht es danach einen Kurzüberblick über Veränderungen in der Altersklassifizierung von Filmen zu finden. Doch beginnen wir zunächst mit dem ersten Punkt, die Formen und Respektlosigkeit von Gewalt, Tod und Waffen.

 

 

1.   Der Tod der Statisten

 

Filme, die mit einer Altersfreigabe ab 12 gekennzeichnet sind, haben in der Regel einen lockeren Anspruch und wollen das Zielpublikum durch Spaß und Abenteuer unterhalten. Zumindest in Bereichen, in denen Gewalt eine Rolle spielt. Das zu betrachtende Beispiel wird die Fluch der Karibik Reihe sein, die sich in erster Linie an Zuschauer zwischen 12 und 20 Jahren richtet. Falls jemand einen „Body Count“ für diesen Film einrichten würde, müsste er verdammt lange zählen, werden schließlich Menschen am Fließband getötet. Meistens geschieht dies vollkommen blutleer und mit einem lockeren Spruch auf den Lippen, um die Situation zu entschärfen und die Altersklassifizierung zu halten. Selbstverständlich ist es das Ziel des Films zu unterhalten und Spaß zu machen, doch ist es fraglich, ob der Mensch von heute überhaupt noch realisiert, welches Massaker sich durch die Filme zieht. Wenn Captain Jack Sparrow einen englischen Soldaten ersticht und mit einem witzigen Spruch seine Beute an sich nimmt, lacht das Kino und niemand spürt Mitleid mit dem armen Kerl, der gen Meeresboden sinkt. Diese Gleichgültigkeit zieht sich durch die gesamte Serie, es wird auf Leute geschossen, als wenn es ganz normal wäre, und Statisten gehen Reihenweise schreiend über Bord. Respekt vor menschlichem Leben? Fehlanzeige! Der Zuschauer merkt nicht einmal mehr, dass gerade mehr Menschen gestorben sind, als in den meisten Actionthrillern. Dieses Beispiel lässt sich beliebig an vielen FSK 12 Filmen fortführen und soll die respektlose Behandlung von mortalen Gegebenheiten demonstrieren.

 

George Lucas hatte sich in Episode 1 aus dem Jahre 2001 vorgenommen, dem Zuschauer eine gewaltfreiere Version von Star Wars zu liefern. Er integrierte Roboter und minimierte den Kampf zwischen Menschen, so dass man mit den sterbenden Menschen und Gungans Mitleid hatte, als es unweigerlich passieren musste. Er erntete für diese Variante viel Kritik, da die Zuschauer eine härtere Gangart als diese „Playmobil Art“ gewohnt waren und Star Wars für sie ein erwachsenes Erlebnis war. Es wurde erwartet, dass mehr Menschen sterben, weil es zum guten Ton eines PG-13/ab 12 Films gehört, was Episode 1 (ab 6) deutlich unterboten hat. Die Filmemacher haben also das Problem, dass sie eigentlich Gewalt integrieren müssen, aber der respektvolle Umgang damit würde bei den Zuschauern psychische Konflikte auslösen und somit die Altersbeschränkung heben. Man verlagert also diese Gewaltdarstellungen in die Blase der Verstumpfung, die sich mit den Jahren gebildet hat und verharmlost sie derart, dass der Zuschauer sie konsumieren kann, ohne dabei psychisch belastet zu werden. Das wiederum fördert diesen extremen Trend der Gleichgültigkeit, den vor allem die Jugend zelebriert und den sie mit ins echte Leben hinein transportieren. Man gewöhnt sich daran, sich nicht mehr mit aktuellen und echten Problemen auseinander zu setzen.

 

 

2.   Waffengewalt

 

Dass der Umgang mit Waffen vor allem in den USA eher als etwas Alltägliches zelebriert wird, ist sicherlich nichts Neues. Doch scheint es zudem in Mode gekommen zu sein, Waffen als etwas so normales darzustellen, dass man sie jedem in die Hand geben kann und die Konsequenzen marginal sind. Zumeist geht das mit sinnloser Gewaltdarstellung einher, da sich niemand mehr die Mühe macht zu differenzieren und aufzuklären. Wenn man dazu noch den abfallenden Anspruch und die schwer wahrnehmbare Intelligenz vieler Filme dazunimmt, kann daraus ein gefährlicher Mix entstehen. Percy Jackson – Diebe im Olymp war kein guter Film, doch er war unterhaltsam und mitunter sogar ganz witzig. Er bietet außerdem die perfekte beispielhafte Grundlage für die vorgeführte Theorie. Die Art und Weise, wie die Jugendlichen an Waffen herangeführt werden, war so skurril, dass es irgendwann einen lächerlichen Charakter bekam. Jeder besaß ein Schwert, das scheinbar nichts zu wiegen schien und auch nicht scharf war. Percy enthauptete mal kurzerhand eine Kontrahentin und wischte das „Blut“ mit seiner Hand (!) mit einem Wisch von der „Klinge“. Kein Bedauern, keine Reue, nur Pragmatismus und Selbstverständlichkeit. Als er sich im „Bootcamp für Halbgötter“ mit einer Kollegin duelliert, schwingen sie ihre Waffen scheinbar mühelos, aber es präsentiert sich zu keiner Sekunde der Gedanke, dass jemand dabei sterben könnte. Schließlich verletzt die Gegnerin Percy und quält ihn mit Schnitten, was aber mit einem kleinen Trick alles wieder weg geht. Der Film ist ab 12 und basiert auf einem Jugendbuch.

 

 

Kommt es wirklich nur auf den Darstellungsgrad von Gewalt an, wann etwas für ein Kind geeignet ist oder nicht? Strömt Blut, ist es schlecht? Strömt kein Blut, sondern es wird wie selbstverständlich behandelt, dass jemand stirbt und es wird sich noch über ihn lustig gemacht, ist es gut? Wie soll es gut sein, wenn Jugendliche das Verständnis übermittelt kriegen, dass Gewalt etwas Natürliches ist, das mit Selbstverständlichkeit gesehen werden muss. Achtet denn wirklich niemand mehr auf die Message, die eine solche Darstellung liefert? Ist es unwichtig geworden, wenn Kinder übermittelt bekommen, dass Werte und Respekt nichts gelten und das Mittel zum Zweck egal ist, solange man sein Ziel erreicht? Die heutige Erziehung wird vielfach bereits genug vernachlässigt, doch auf diese Weise entwickelt sich ein durchschnittlicher Jugendlicher zu einem Medienzombie, der emotionslos selbst die größten Massaker „genießen“ kann. Wie soll ein solcher Eindruck kompensiert oder relativiert werden?
Die Konsequenz für die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle) ist eindeutig: Die Jugendlichen scheinen mehr ertragen zu können, so dass man ihnen mehr zumuten kann. Als ich vor einer halben Ewigkeit die Videokassette von Blade anschaute, war der Film ab 18 und extrem stark geschnitten. Vor Kurzem surfte ich durch die VOD Abteilung meiner Online-Videothek und entdeckte den Kultstreifen. Er war ab 16 gekennzeichnet und beim Anschauen stellte ich fest, wie viel von dem Film ich damals durch den Schnitt nicht zu sehen bekam. Die Version war zwar immer noch geschnitten, aber der Unterschied zur damaligen Version war enorm. Im letzten Jahr besuchte ich mit Freunden den Film Krieg der Götter im Kino und wir waren entsetzt von der harschen Gewaltdarstellung, obwohl wir wirklich hart im Nehmen sind. Wir verließen das Kino mit gemischten Gefühlen, auch weil der Film keine Offenbarung war und zudem eine unnötig harten Gewaltgrad besaß. Zu Hause machte ich mir die Mühe die FSK Kennzeichnung nachzulesen und musste erschrocken feststellen, dass er ab 16 gekennzeichnet ist. Ist unsere Jugend bereits so extrem abgestumpft, dass Gewaltdarstellungen, egal wie nutzlos oder dümmlich sie gemacht sind, einfach so an ihnen vorbeigehen und der Unterhaltung dienen? Ist das die Folge der gleichgültigen Behandlung von Gewalt in der Jugendzeit? Welche Konsequenzen hat ein solcher Mensch für unsere Gesellschaft?

 

 

Fazit:

Wundert es bei der Handhabung von Gewalt, Waffen und Tod in den Filmen unserer Tage wirklich noch jemanden, wenn Kinder und Jugendliche abstumpfen und sich eine grundlegende Gleichgültigkeit aneignen? Wundert es, dass Respekt, Moral und Rücksicht keine Werte sind, die heutzutage noch gelten? Ich gebe nicht den Filmen die Schuld an dieser Entwicklung, eher bin ich der Meinung, dass sie nur eine Reaktion auf die Konsequenzen und verschobenen Bedürfnisse unserer Zivilisation sind. Dennoch empfinde ich es mitunter als ekelhaft, wie Filme mit diesen sensiblen Themen umgehen und kaum noch jemand das nötige Feingefühl in Filme für Jugendliche einbringt. Sie unterstützen dabei diesen Trend. Ist es zu umständlich geworden sich zu bemühen gute Wege zu finden oder wird nur noch der Markt bedient und das Verlangen nach dem Mehr und der Sensation des Konsumenten gesehen? Ich empfinde dies als sehr gefährlich, weil die meisten Jugendlichen nicht in der Lage sind, eigene Gedanken zu bewegen und zu differenzieren. Die Beeinflussung dieser indirekten, psychischen Gewaltdarstellung spiegelt die erschreckende Entwicklung unserer Moralität wieder. Einen Ausweg sehe ich nicht, der Zug dürfte abgefahren sein, bleibt nur zu hoffen, dass die Intelligenz des Menschen und sein soziales Bedürfnis die Oberhand halten, wenn es schon die Erziehung nicht schafft. Vor allem sollte man im Bereich Film aber nach den Werken Ausschau halten, die sich dieser Verrohung noch nicht unterworfen haben und sich bemühen, intelligente Lösungen und Wirklichkeiten zu bieten.

 

Ich wiederhole mich noch einmal zur Klarstellung:  Es ging in diesem Artikel nicht um Filme, die bereits gewalthaltig sind und dies auch darstellen und kennzeichnen. Vielmehr handelt er von der indirekten Gewalt und der moralischen Verpflichtung von Filmen an Jugendliche und Kinder, die sie nicht mehr einhalten. Diese Message ist es, die mich aufregt und nicht irgendwelche Gewaltfilme. Mir ist zudem bewusst, dass Jugendliche ohnehin durch das Internet Zugang zu so ziemlich Allem haben und sich ohnehin alles anschauen können, was sie wollen. Umso wichtiger erscheint mir die Verantwortung jedes einzelnen Menschen seinen Mitmenschen  und die der Filmemacher uns Konsumenten gegenüber. Mir ist zudem auch bewusst, dass es sich hierbei um keine neue Entwicklung handelt, doch scheint es mir wichtig die Steigerung klar zu machen und auf das Problem hinzuweisen.

 

Quellen:  Box Office Mojo

GD Star Rating
loading...


Hinterlasse einen Kommentar, oder nutze den trackback auf deiner Homepage.

Hinterlasse einen Kommentar

Du musst dich einloggen, um einen Kommentar hinterlassen zu können.