Django Unchained

 

Tarantino entfesselt!

 

 

Quentin Tarantino dreht nicht viele Filme. Wenn er es jedoch tut, ist ihm die Aufmerksamkeit gewiss und der Hype enorm. Kultfilme wie Pulp Fiction, Jackie Brown oder Kill Bill stammen aus seiner Feder und haben die Filmwelt auf ihre Weise geprägt. Leider verstehen es die wenigsten Kinogänger durch die Oberfläche dieser atmosphärischen Filme zu dringen, weil ihnen vielfach das benötigte, tiefe Wissen fehlt. Das ist nicht weiter schlimm, kann man einen Tarantino auch auf normale Weise genießen, solange man ihn nicht für die Dinge verurteilt, die man nicht versteht. Doch dazu kommen wir später noch einmal. Django Unchained heißt das neue Werk und übertrifft die Erwartungen der Kritiker und Kinogänger. Was ihn so besonders macht und warum ein Kinobesuch auf jeden Fall sein Geld wert ist, werden wir im Folgenden besprechen. Ich möchte mich im Vorhinein entschuldigen, falls ich gezwungen bin das N-Wort zu benutzen, was eine verachtenswerte Beschreibung afro-amerikanischer Menschen darstellt, da der Film das Wort ohne Unterbrechung wiedergibt.

 

 

Django (Jamie Foxx) ist ein Sklave, der von seiner Frau Broomhilda (Kerry Washington) getrennt auf dem Sklavenmarkt von Greenville, Texas verkauft wurde. Zu seinem Glück sucht der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) nach den berüchtigten Brittle-Brüdern und nur Django weiß, wie die drei Verbrecher aussehen. Nach kurzweiligen Freiheitsverhandlungen mit den neuen Besitzern, setzt Schultz seinen Schützling auf freien Fuß und macht ihm ein Angebot. Wenn Django ihm bei den Brittle-Brüdern hilft, bekommt er Schultz‘ Unterstützung bei der Suche nach seiner Frau. Schnell merkt der deutsche Kopfgeldjäger, dass in Django mehr steckt und macht ihn zu seinem Partner. Gemeinsam machen sie den neuen Besitzer von „Hildi“ ausfindet, ein gewisser Calvin Candie (Leonardo DiCaprio), ein frankophiler Plantagenbesitzer, der eine der berüchtigtsten Sklavenhaltungen sein Eigen nennt. Unter dem Vorwand einen „Kampfnigger“ für das so genannte „mandingo“ (Zwei Sklaven kämpfen auf Leben und Tod gegeneinander, die Besitzer wetten Geld)  kaufen zu wollen, schleichen sich Schultz und Django auf Candyland und in das Vertrauen des Besitzers ein. Das gefährliche Schauspiel bringt sie tatsächlich sehr weit, doch der misstrauische Hausdiener Stephen (Samuel L. Jackson) hat bereits Verdacht geschöpft. Seine Adleraugen haben die Zusammenhänge schnell erfasst und schon bald bekommt Candyland eine ziemlich einheitliche Tapetenmusterung.

 

 

Um einen Film von Quentin Tarantino vollständig verstehen zu können, muss man vier Phasen der Erkenntnis durchleben. Stufe eins ist der oberflächliche Teil, in dem man die coolen Sprüche, skurrilen Szenen und die blutreiche Action genießt. Auf diese Weise kann man viel Spaß an Django haben, kommt aber dem Kern der Sache nicht wirklich sehr nahe. Auf Stufe zwei befindet sich die Bewunderung über die perfekt inszenierten Dialoge, die Wendungen der Ereignisse und die schauspielerischen Details, die den Film auszeichnen. Als Drittes ist der historische und gesellschaftliche Hintergrund der Sklavenhaltung in Nordamerika zu nennen, der in Zusammenhang gebracht werden muss mit der krassen Überspitzung des Verhältnisses zwischen Weißen und Schwarzen im Film. Dies ist ein sehr schwieriges Thema, das in Django Unchained direkt angegangen wird und es so weit ins Lächerliche zieht, dass es umso erschreckender wirkt. Die Behandlung der Schwarzen in diesem Film ist weniger als menschenunwürdig und ist vermutlich der Realität nicht so fern, wie man es gerne hätte. Diese drei Phasen müssen in Einklang gebracht werden, um die Zusammenhänge zu verstehen, die dem Film seine Einzigartigkeit verleihen und in Stufe vier zum Höhepunkt finden. Denn hier kommt das tiefe Wissen über Filme ins Spiel, das man haben muss, um die unendlich vielen Referenzen, Hommagen, Stilbrüche und -wechsel und Wendungen zu verstehen, die den Film begleiten. Kurzum muss man Tarantinos lexikalisches Filmgedächtnis besitzen, um Django Unchained in seiner Gänze zu verstehen. So etwas hat keiner von uns, so dass wir uns wohl mit der Einfachheit der oberflächlichen Analyse begnügen müssen.

 

 

Doch gehen wir ein wenig tiefer in den Film hinein, schließlich ist es schwer über die Gesamtheit eines Werkes zu reden, wenn man nicht einmal die Basis ausgemacht hat. Diese sind natürlich die geschliffenen, teils schrägen Dialoge für die Tarantino so berühmt ist. Sein häufigstes Stilmittel sind enorm lange Dialogszenen, die in der Regel harmlos beginnen und sich gegen Ende extrem zuspitzen, so dass es zu ausufernden Folgen kommt. Gerade bei sprachlich versierten Charakteren wie Dr. King Schultz lässt sich so etwas hervorragend umsetzen. Man muss Christoph Waltz erlebt haben, um die Szenen einordnen zu können, die seine Figur so besonders machen. Wenn er beispielsweise auf geschliffenen Art und Weise mit hochtrabenden Worten die Transaktion zur Freilassung von Django zu Beginn des Films initiiert, weiß man schon, was in den kommenden 160min auf einen zukommt. Als kleines Beispiel hier das Ende der „Verhandlungen“:

 

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Ace Speck: [as Dr. Schultz questions Django] Hey! Stop talking to him like that. 
Dr. King Schultz: [looks to Ace] Like what? 
Ace Speck: Like that. 
Dr. King Schultz: My dear sir, I am simply trying to ascertain… 
Ace Speck: Speak English, goddamn it. 
Dr. King Schultz: Everybody calm down. I’m simply a customer trying to conduct a transaction. 
Ace Speck: I don’t care. No sale. Now off with you. 
Dr. King Schultz: Oh don’t be ridiculous. Of course they’re for sale. 
Ace Speck: [points shotgun at Schultz] Move it. 
Dr. King Schultz: My good man, did you simply get carried away with your dramatic gesture, or are you pointing your weapon at me with lethal intention? 
Ace Speck: [cocks shotgun] Last chance, fancy pants. 
Dr. King Schultz: Oh well, very well. 
[pulls out pistol and shoots Ace and Dicky’s horse]

 

 

Gleichzeitig zu dieser elitären und kalten Oberfläche erkennt man aber recht schnell den weichen Kern von Dr. King Schultz, der die Sklaverei verabscheut. Zu Recht bekam Waltz einen Golden Globe für diese Rolle und steht auch für den Oscar erneut hoch im Kurs. Ebenso nominiert war Leonardo DiCaprio (jedoch diesmal ohne Oscar Nominierung), der Monsieur (er besteht darauf!) Candie mit unbarmherziger Eleganz mimt. Der Plantagenbesitzer ist ein ruchloser Mann, dem es Freude bereitet seine N***er zu quälen und zu bestrafen, wenn sie nicht gehorchen. Er brüstet sich allerdings mit einem weltgewandten, humorvollen und korrekten Selbstbild, das nur selten seine Konturen verliert und zu dem hasserfüllten Monster durchbricht, das er wirklich ist. DiCaprio vollbringt es trotzdem diese brutale Seite des Mannes wiederzugeben, obwohl er sie nur ein einziges Mal auslebend zeigen muss. Die Selbstverständlichkeit, die den menschenverachtenden Handlungen Candies beiwohnt, ist der Verdienst des Schauspielers. Stets weiß der Zuschauer welche Bedrohung von ihm ausgeht und sei es nur durch den Umgang mit seinem Menschenbesitz.

 

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Calvin Candie: [to Stephen] Stephen, when you get through showing them to their rooms, go fetch Hildi. Get her cleaned up and smellin‘ real nice and send her over to Dr. Schultz’s room. 
Stephen: [laughing] Actually, Monsieur Candie sir, there’s something I ain’t told you about yet. 
Calvin Candie: What? 
Stephen: Uh, Hildi ‚in the hot box. 
Calvin Candie: Well what’s she doin‘ there? 
Stephen: What you think she doin‘ there, in the hot box? She been punished! 
Calvin Candie: Well what did she do? 
Stephen: She run off again. 
Calvin Candie: Jesus Christ, Stephen! How many people run away while I was gone? 
Stephen: Two. 
Calvin Candie: Well when did she go? 
Stephen: Last night. They brung her back this morning. 
Calvin Candie: How long she been in the box? 
Stephen: How long you think she been in there? All damn day! And the little bitch got ten more days to be in there. 
Calvin Candie: Take her out. 
Stephen: Take her out? Why? 
Calvin Candie: Because I said so, that’s why! Dr. Schultz is my guest. Hildi is my nigger. Southern hospitality dictates I make her available to him. 
Stephen: But Monsieur Candie, she run off. 
Calvin Candie: Christ, Stephen! What is the point of having a nigger that speaks German if you can’t wheel ‚em out when you have a German guest? Now I realize it is an inconvenience! Still, you take her ass out. 
Stephen: Yes sir. 
[to the Overseers] 
Stephen: Ya’ll done heard the man! Get her ass up outta there! Go! Get her over there and get her cleaned up and bring her back over here to, uh, Doctor – 
[to Schultz] 
Stephen: What did you say your name was? Shoots? 
Dr. King Schultz: „Schultz.“ 
Stephen: Schultz.

 

Jamie Foxx bleibt trotz seiner Hauptrolle eher unauffällig, auch wenn er die Entwicklung von Django vom ungebildetem Sklaven zum freien, gebildeten Mann gut rüberbringt. Für ihn reicht es vollkommen aus, der ultracoole Typ zu sein, der sich durch die Menschenmassen ballert. Samuel L. Jackson ist als Stephen hinreißend komisch, allerdings auf eine bedrohliche Art. Hat man zu Beginn noch den buckligen, alten Schwachkopf vor Augen, der nicht glauben kann, dass der „Nigger auf einem Pferd reiten und auch noch im Herrenhaus nächtigen darf“, so bekommt man mehr und mehr das Gefühl, welch große Gefahr die Figur darstellt. Er portraitiert einen innerlich weißen Diener mit schwarzer Hautfarbe, der von der dauerhaften Angst und dem Misstrauen der Sklavenbesitzer angesteckt und vereinnahmt wurde.

 

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Calvin Candie:  Ich war mein Leben lang umgeben von schwarzen Gesichtern. Ich habe mich immer gefragt: Warum machen die keinen Aufstand und töten die Weißen?

 

 

Zu jeder Zeit im Film schwingt das ernste Thema der Sklaverei mit, das in Django Unchained auf eine drastische Art und Weise in Szene gerückt wird. Sei es durch blutige Gewaltmärsche in Ketten zu Beginn, dem Zerreißen eines Sklaven durch Bluthunde oder dem ultrabrutalen Kampf zweier „Kampfn***er“, bei dem die Besitzer die finale Brutalität noch steigern. Schwarze Menschen werden als Eigentum gesehen und stehen vom Wert noch unter dem des Viehs. Die Halter kennen keinerlei Gnade, ob das nun Calvin ist oder Big Daddy (Don Johnson), sie verfahren mit ihrem Eigentum so, wie sie es wollen. Stets wird dies von einer Unterwürfigkeit der Sklaven begleitet, dies aus Angst und Gewohnheit buckeln. Der Höhepunkt dieser Darstellungen ist das Öffnen eines Schädels durch Calvin Candie, der den beiden Helden einen biologischen Grund präsentiert, wieso Schwarze zu Dienern geboren wurden und es immer sein würden. Vielleicht übertreibt es Tarantino ein wenig mit der Häufigkeit der Zeigefinger. Beispielsweise war es bereits beim zweiten Mal klar, dass ein N****er auf keinem Pferd reiten darf. Wobei es durchaus unterhaltsam ist, welches Drama Stephen aus diesem Umstand macht. Django stellt in diesem Gebilde den Gegenpol dar: Er ist der Schwarze, der frei herumlaufen und reiten darf und symbolisiert damit das Thema des Films.

 

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Schultz:  Zum Beispiel, was wäre wenn wir in diesen Saloon hier treten würden, uns an einen Tisch setzen und einen Drink bestellen und ihn trinken? Würde das die Autoritäten aufregen?

Django:  Natürlich würde es sie aufregen.

Schultz:  Welchen Teil würden sie am abstoßendsten finden?

Django:  Einfach alles. Ich kann in keinen Saloon gehen, ich kann auf keinem Stuhl an keinem Tisch sitzen. Ich kann keinen Drink trinken und erst Recht nicht mit einem Weißen zusammen in der Öffentlichkeit.

Schultz:  Wenn wir diese Dinge also täten, würde das als Beleidigung genügen, damit der Saloon Besitzer den Sheriff holte?

Django:  Darauf können sie ihren Arsch verwetten.

Schultz:  In diesem Fall, Django, nach dir.

 

Fazit:

Django Unchained hat alles, was ein großartiger Film benötigt und bietet uns Zuschauern noch sehr viel mehr. Das Drehbuch ist einzigartig, die Dialoge und Szenen perfekt inszeniert und die Schauspieler grandios. Die zu Beginn beschriebenen Ebenen harmonieren hervorragend, zumindest für Menschen, die sich auf solche Filme einlassen können und nicht einschlafen. Denn eines ist Django nicht: ein dummer Actionfilm!  Es wird viele geben, die den Film unheimlich langweilig finden und in den Szenen dicke Lücken und Längen zu erkennen glauben. Dann wiederum wird es Menschen geben, die das ausufernde Blutbad nicht gutheißen und ihn unter Trash abstempeln. Beides ist natürlich nicht richtig, bleibt jedoch jedem Einzelnen überlassen, da es sehr verständlich ist, wie man bei oberflächlicher Betrachtung zu diesem vorschnellen Urteil kommen kann. Jedem, der sich nicht öffnen kann und lieber in seiner engen Welt weiterdenken möchte, sei hiermit von einem Kinobesuch abgeraten. Für alldiejenigen jedoch, die über einen weiten Horizont und eine gewisse Beobachtungsgabe verfügen, ist dieser Film ein Juwel.

 

Persönliche Meinung:

Herrlich, was für ein polarisierender Film! Man muss Tarantino mögen, um mit Django warm zu werden, doch hat man diesen Schritt einmal getan, kommt man mit Analysieren und Denken gar nicht mehr hinterher. Besonders die Schauspieler haben mich beeindruckt, die sich durch die gewieften Dialoge mit Bravour hangelten. Allen voran Christoph Waltz, dessen King Schultz unheimlich unterhaltsam und gleichzeitig äußerst dramatisch daher kommt. Nicht umsonst ist der gute Doktor der vielschichtigste Charakter des Films, was vor allem gegen Ende immer deutlicher wird. Tut mir jedoch einen Gefallen, wenn ihr im Kino seid: Haltet den Film bitte nicht für eine ausgemachte Satire! Es handelt sich nicht um eine solche, sondern um eine Hommage an die Spaghetti Western rund um Sergio Leones Klassiker, wie z.B. Zwei Glorreiche Hallunken mit Clint Eastwood. Nicht umsonst klingt auch Ennio Morricones Western Themen aus den Boxen, wenn Django in die Vollen geht und die Ketten verliert. Und nur jemand wie Tarantino versteht es, ein solches Element einzubauen, mit einem Rap Song zu verbinden und dabei das ernste Thema der Sklaverei erschreckend in Szene zu setzen: Meisterlich!

Rating: ★★★★★★★★½☆ 

 

Fakten:

Regie:  Quentin Tarantino

Darsteller:  Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington

Drehbuch:  Quentin Tarantino

Budget:  $100Mio.

Kinostart:  17. Januar 2013

 

 

Quellen:  Internet Movie Database,  Box Office Mojo,  ffh.de,  afrobella.com

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