Silver Linings

 

Der Silberstreif des Lebens!

 

 

Es gibt Filme, denen man sehr schnell anmerkt, dass sie den Machern am Herzen lagen. Silver Linings ist ein solcher Film, bei dem man die Hingabe von Regisseur David O. Russell (The Fighter) und Hauptdarsteller und Produzent Bradley Cooper (The Hangover) in jeder Pore erkennen kann. Jedes Detail spielt eine entscheidende Rolle, jede Körperbewegung ist bedeutsam, wenn man den Darstellern bei der Entwicklung ihrer Figuren zusehen darf. So etwas ist in der Filmwelt eher zur Seltenheit geworden und muss dementsprechend gewürdigt werden. Vier Golden Globe Nominierungen hat der Film bereits sicher und dabei wird es sicherlich nicht bleiben. Aber sehen wir uns zunächst an, was den Film so besonders macht und wie man den ersten Oscar-Anwärter des neuen Jahres einordnen kann.

 

 

Pat (Bradley Cooper) leidet unter einer Bipolaren Störung (Wikipedia) und musste, nachdem er den Liebhaber seiner Frau auf frischer Tat ertappte und beinahe totprügelte, acht Monate in einer Nervenanstalt verbringen. Nun ist er wieder bei seinen Eltern eingezogen und ringt verzweifelt um die Kontrolle seines Geisteszustandes. Wie besessen versteift er sich auf die angebliche und unendliche Liebe zwischen ihm und seiner Frau Nicki und kann kaum etwas anderes in seiner Gedankenwelt zulassen. Da es aber eine einstweilige Verfügung gegen ihn gibt, kann er nichts unternehmen, und verfällt immer wieder in unkontrollierte Anfälle. Sein zwangsneurotischer Vater Pat Sr. (Robert de Niro) hat nur sein Football Team im Kopf und weiß nicht, wie er ihm helfen soll, während seine Mutter Dolores (Jacki Weaver) ihren Sohn zwar sehr liebt, aber ebenso hilflos versucht ihn mit ihren Alltäglichkeiten zu erreichen. Doch dann plötzlich begegnet Pat der schlagfertigen und vollkommen durchgeknallten Tiffany (Jennifer Lawrence), die Schwester der besten Freundin (Julia Stiles) seiner Ex-Frau. Diese hat ebenfalls psychische Probleme und versucht ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, nachdem ihr Mann bei einem Unfall ums Leben kam. Als die beiden nicht voneinander los zu kommen scheinen, schließen sie einen Pakt. Tiffany würde ihm bei Nicky helfen, wenn Pat im Gegenzug mit ihr an einem Tanzwettbewerb teilnimmt. Pat ist wenig begeistert von dieser Idee, willigt aber ein, da er darin seine einzige Chance sieht, wieder Kontakt zu seiner Frau aufzunehmen. Gemeinsam finden sie einen unerwarteten Weg ihre Probleme zu überwinden, der weit über ihre Vereinbarung hinausgeht und Pat merkt kaum, wie seine Neurosen immer weniger werden und er immer mehr zu dem Mann wird, der er sein wollte.

 

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Tiffany:  „Ich wurde gefeuert, weil ich mit allen im Büro Sex hatte.“Pat:  „Wirklich mit allen?“Tiffany:  „Es war eine harte Zeit, als Tommy gestorben ist.“

Pat:  „Wir müssen nicht darüber reden.“

Tiffany:  „Danke.“

Pat:  „Wie viele waren es genau?“ 

 

 

Auf den ersten Blick, vor allem nach dem Trailer, könnte einen das Gefühl beschleichen, dass es sich bei Silver Linings um eine Standard Liebeskomödie handelt. Doch weit gefehlt, besitzt der Film eine weitreichende Tiefe, die über den Standard hinausreicht. Die Darstellung der Krankheit ist äußerst akkurat und bietet dem Zuschauer einen Einblick in diese gefährliche und unterschätzte psychische Störung. Von der neurotischen Flucht in eine Form von alternativer Realitätsvorstellung, über extreme Gefühlsausbrüche, bis hin zur Verdrängung der Wirklichkeit und dem festen Glauben, kein Verständnis für das eigene Selbst von seiner Umwelt zu bekommen. Bradley Cooper bringt jede kleinste Regung dieses Problems so anschaulich dar, dass man mitunter wegen des realistischen Ansatzes Angst kriegen kann. Die dramatischen Ansätze des Films sind also nicht zu unterschätzen und heben ihn von der restlichen Masse deutlich ab. Wie die Umwelt mit so etwas umgeht, wie schwer es für Familien sein kann, wenn die Kommunikation nicht funktioniert und sich Hilflosigkeit breit macht und was es braucht, um trotzdem ein normales Leben führen zu können. Aber auch dabei bleibt es nicht, bekommen wir mit Tiffany eine weitere psychisch instabile Person, die zentral den Film mit trägt und Pat Sr., der zwangsneurotische Vater ist ebenfalls sehr wichtig, um die schwierigen Probleme der Menschen zu verstehen.

 

Woran erkennt man, wenn ein Schauspieler eine herausragende Performance zeigt? Da gibt es sehr viele Faktoren, aber ich möchte auf einen bestimmtes Phänomen hinaus. In diesen Fällen kann man die darstellerische Leistung nicht beschreiben, ohne auf die Tiefe des Charakters einzugehen, seine Umstände zu beleuchten und die Gefühle, die er beim Ansehen ausgelöst hat, zu beschreiben. Silver Linings besteht aus einem ganzen Ensemble dieser großartigen Darstellungen und verwöhnt uns mit Charaktertiefe, auf den Punkt gebrachte Emotionen in Ausbrüchen und auch in kleinen Gesten und Mimiken. Allen voran geht Bradley Cooper, dem man als Pat zu jeder Sekunde die Probleme der Krankheit ansieht und ihre Folgen fürchtet. Gerade in der ersten Stunde des Films bekommt man als Zuschauer andauernd Angst, dass er die Kontrolle verlieren würde und endgültig abdriftet. Die Obsessionen mit seiner Ex-Frau und sein gefangener und benebelter Verstand werden perfekt in den Film integriert. Man merkt Bradley Coopers Schauspiel seine Hingabe an das Projekt an und fiebert den gesamten Film mit ihm. Wenn man im Nachhinein die Entwicklung des Charakters und seine Handlungen überdenkt, bemerkt man erst die absolut runde und harmonische Kurve, die dieser geschlagen hat.

 

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Ronnie:  „Stört es dich, wenn Veronicas Schwester auch kommt?“Pat:  „Tiffany und Tommy?“Ronnie:  „Nein, nur Tiffany.“

Pat: „Was ist aus Tommy geworden?“

Ronnie:  „Er ist tot.“

Pat:  „Tommy ist tot?“

Ronnie:  „Bitte erwähn es nicht.“

Tiffany betritt den Raum.

Ronnie:  „Hey Tiffany, das ist Pat.“

Pat (auf ihre Brüste starrend):  „Du siehst nett aus.“

Tiffany:  „Danke.“

Pat:  „Wie ist Tommy gestorben?“

 

 

Ebenso wichtig und beeindruckend ist Jennifer Lawrence‘ Darstellung der Tiffany, einer zerrütteten jungen Frau, die nach dem Tod ihres Mannes den Boden unter den Füßen verlor. Sie hatte einen selbstzerstörerischen Kurs eingeschlagen, von dem sie verzweifelt versucht zu entfliehen. In der festen Überzeugung, einen guten Freund zu brauchen, bietet sie Pat sogar Sex an, was dieser aus ihr seltsam vorkommenden Gründen ablehnt.  Es dauert nicht lange, bis sie merkt, wie gut Pats Nähe ihr tut, selbst wenn er sie mehr als einmal extrem vor den Kopf stößt. Lawrence‘ ist jederzeit die toughe Frau, die ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen voranprescht. Gleichzeitig merkt man ihr eine extreme Verletzlichkeit an, die anrührend und erschreckend ist, wenn man ihre harte Schale oberflächlich betrachtet. Die Angst verletzt zu werden und sich ihren Wünschen zu öffnen, nachdem sie so viel auf sich geladen hatte, zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab in unbeobachteten Momenten. Ihre zunächst seltsam anmutende Freundschaft zu Pat zieht sie aus der Selbstzerstörung hinaus und öffnet ihr wieder Perspektiven, die sie nie für möglich gehalten hatte. Und dann wäre da ja noch Pat selbst, für den sie mehr als nur Freundschaft empfindet und dessen Glück ihr am Herzen liegt. Letztlich bringt Lawrence ihre Tiffany hervorragend auf den Punkt und sie ist vor allem unendlich unterhaltsam.

 

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Tiffany zu Pat:  „Ich war eine Schlampe. Da wird immer der Teil in mir sein, der schmutzig ist, aber ich mag das, so wie ich andere Dinge an mir mag. Ich kann vergeben. Kannst du dasselbe über dich sagen, Arschloch? Bist du dazu fähig?“

 

Der Film lebt von seinen fein geschliffenen Dialogen, die niemals aufgesetzt wirken und immer mehr sagen, als der Text hergibt. Robert de Niro gibt uns eine Galavorstellung des Football besessenen Vaters, der verzweifelt versucht seinen Sohn zu ändern, der wiederum schon lange verstanden hat, dass sein alter Herr unter anderen, nicht weniger großen Problemen leidet wie er. Die Dynamik zwischen diesen Figuren ist fantastisch real und öffnet mehrere Ebenen, in denen sich die Nebendarsteller wie Chris Tucker einbringen können und das Werk abrunden. Mir sind manche Einstellungen gar im Hinterkopf geblieben, da David O. Russell schonungslos mit der Kamera auf die Darsteller und Szenen draufhält und mit vergleichsweise wenigen Schnitten arbeitet. Das macht es noch gewichtiger, da es sich nicht wie ein abgehacktes Dialogspiel anfühlt, sondern erschreckend nah. Silver Linings, was übersetzt übrigens Silberstreifen bedeutet und Pats Suche nach einem optimistischen lebenswerten Zustand symbolisiert, ist also ein Film über die Probleme und Dynamik von komplizierten Menschen vor dem Hintergrund einer psychischen Krankheit, die es auf ungewöhnliche Weise zu überwinden gilt. Jeder von uns wird einen Teil in sich wiedererkennen, in welchem Charakter das auch immer sein mag. Letztlich geht es darum einen Weg zu finden, sich selbst zu finden oder vergeben zu können und die Menschlichkeit zu erhalten, die nicht nur die Charaktere des Films so wertvoll machen.

 

Fazit:

Nicht umsonst ist Silver Linings ein Anwärter auf mehrere Oscar Nominierungen, vielleicht sogar einige Gewinne durch die Darsteller oder das starke Drehbuch. Vielleicht habe ich gar zu viel in dieser Rezension verraten, doch muss man diesen Film mit seiner bodenständigen Atmosphäre und seinen geschliffenen und trotzdem zufällig wirkenden Dialogen selbst erlebt haben. Das Schauspielensemble vereinnahmt den  Zuschauer bereits nach kurzer Zeit und lässt ihn nicht mehr aus den Händen, bis Pat seinen Weg gefunden haben hat, wohin auch immer der führt. Der Film hat nur eine einzige kleinere Schwäche, die ich ihm problemlos verzeihen kann: Er ist relativ vorhersehbar im Gesamtbild. Die einzelnen Szenen oder Abfolgen machen einfach nur Spaß anzusehen und bieten großen Tiefgang, auch wenn sich jeder Zuschauer irgendwann die Zusammenhänge ausmalen kann, die dann auch wenig überraschend eintreten. Doch gerade das macht den Film noch einen Tick bedeutsamer, weil man ihn auch noch gerne anschaut und mit den Charakteren mitfiebert, selbst wenn man manche Ausgänge vorausahnt.

 

 

Persönliche Meinung:

Es war ein Hochgenuss den Darstellern bei der Entwicklung der Charaktere und den Machern bei der Inszenierung dieser Geschichte zuzusehen. Selten hat mir ein Film ein derart warmes Lächeln am Ende abgerungen, das sich als gutes Gefühl bis in den Abend hineingetragen hat. Vielleicht ist es das Gefühl, einen Teil von sich in jedem der Charaktere wiedergefunden zu haben, oder auch nur der Glaube an etwas Besonderem teilgenommen zu haben. Silver Linings hat mir gezeigt, warum ich gerne ins Kino gehe und solche Filme über alles liebe. Er ist für all diejenigen gemacht, die sich problematischen Verhältnissen auseinander setzen und stets daran glauben können, dass alles gut werden wird. Eine ganz klare Empfehlung für all diejenigen, die genug haben von dem Einheitsbrei, der sonst aus Hollywood zu uns überschwappt. Selbst die Synchronisation ist dieses Mal zu empfehlen, die deutsche Übersetzung ist gut gelungen und tut der Atmosphäre keinen Abbruch.

Rating: ★★★★★★★★½☆ 

 

Fakten:

Regie:  David O. Russell

Darsteller:  Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Robert de Niro, Chris Tucker, Jacki Weaver, Julia Stiles, John Ortiz

Drehbuch:  David O. Russell, Matthew Quick (Buchvorlage)

Musik:  Danny Elfman

Budget:  $21Mio.

 

 

Quellen:  Box Office Mojo, Internet Movie Database, shemoviegeek.com

 

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Silver Linings, 10.0 out of 10 based on 1 rating


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2 Antworten to “Silver Linings”

  1. son sagt:

    Tolle Kritik! Ich habe sie erst hinterher gelesen, nachdem ich den Film gesehen habe, und finde sie sehr zutreffend. Bin gespannt auf weitere Kritiken von euch. Schon „The Sessions“ gesehen? LG, son

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