Lincoln

 

Die Historie eines wichtigen Mannes und seines Strebens!

 

 

Abraham Lincoln gilt als einer der meistverehrtesten Männer in der noch recht jungen Geschichte der USA. Er bewies seinem Land und auch der Welt, welch großen Einfluss die uneingeschränkte Verfolgung eines Zieles haben kann und sei es noch so unwahrscheinlich. Die endgültige Abschaffung der Sklaverei 1865 war einer der wichtigsten Meilensteine zur Formung eines Staates der Gleichheit, selbst wenn die Köpfe der Menschen bis heute in archaischen Strukturen zu denken pflegen. Wenn es einen Regisseur gibt, der sich vor so einem schwierigen und anspruchsvollen Thema nicht scheut, dann ist es Steven Spielberg (Schindlers Liste, Der Soldat James Ryan). Mit Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle des 16. Präsidenten der USA verfilmt er dieses finale Aufbäumen um die Verabschiedung des 13. Zusatzartikels zur Abschaffung der Sklaverei. Ein Film, der enorme Ansprüche an Aufmerksamkeit und Sprache stellt und ohne Zweifel die Glorifizierung der Person Abraham Lincoln als wichtiges Element darstellt. Doch schauen wir uns zunächst an, wie es Spielberg schafft aus diesem trockenen historischen Kontext einen fesselnden Film zu schaffen.

 

 

Der Sezessionskrieg in den Vereinigten Staaten (1861-65) gilt als das blutigste Ereignis, das je auf amerikanischem Boden stattgefunden. Der Präsident der Nordstaaten/Union Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis) ist das Blutvergießen leid und will diesen unnötigen Krieg so schnell wie möglich beenden. Doch gleichzeitig mit einem Ende des Krieges würde der Grundsatz zur Befreiung der Sklaven und Abschaffung der Sklaverei nichtig werden, da sie bisher nur als Kriegsziel und Notwendigkeit zum Sieg in diesem Gemetzel eingebunden worden waren. Eine endgültige Lösung der Sklavenfrage steht aus und Lincolns Bestreben nach einem 13. Zusatzartikel zur Abschaffung der Sklaverei steht im Mittelpunkt des politischen Lebens in Washington im Januar 1865. Selbst wenn die gesamte republikanische Partei im Kongress für den Artikel stimmen würde, reichten die Stimmen nicht aus, um den Artikel zu verabschieden. Außenminister William Seward (David Strathairn) setzt ein illegales Team (u.a. James Spader) auf demokratische Politiker an, um die nötigen Stimmen mit Hilfe von Korruption zu erhalten. Doch auch auf legaler politischer Ebene benötigt Lincoln trotz seines Charismas Hilfe, beispielsweise von dem radikalen Sklavereigegner Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones). Wie in einer Schlangenhöhle bewegt sich Lincoln, hin- und hergerissen zwischen Friedensverhandlungen im Untergrund, radikalem Stimmenfang im Kongress und den privaten Problemen, die seine psychisch instabile Frau Mary (Sally Field) und sein Sohn Robert (Joseph Gordon-Levitt) an ihn tragen. Die Zeit spielt gegen ihn, denn eine Friedensdelegation ist auf dem Weg, die all seine Pläne zunichte machen könnte.

 

 

Ohne Frage ist Lincoln einer der spektakulärsten Historienfilme unserer Zeit, obwohl die Thematik unendlich trocken wirken sollte und wenig Spannung aufzuweisen scheint. Doch genau das Gegenteil ist der Fall, da Lincoln sehr auf dramatische Reden setzt, die mit einem gewissen historischen Hintergrundwissen sehr einnehmend wirken. Man sollte stets im Hinterkopf behalten, dass es sich hierbei nicht um Fiktion handelt, sondern auf handfesten historischen Tatsachen beruht. Der Film ignoriert beinahe gänzlich sämtliche effekthascherischen Elemente, die er hätte anbringen können, wie z.B. ein starker Fokus auf die Schlachten oder die szenische Darstellung der Ermordung Lincolns. Stattdessen liegt die Betonung ausschließlich auf der Verabschiedung des 13. Zusatzartikels und auf der Person Abraham Lincoln und ihrer Rolle bei der Durchsetzung der Abschaffung der Sklaverei. Drehbuchautor Tony Kushner arbeitete sechs Jahre an diesem ausgefeilten Skript, das ursprünglich als Komplettbiografie des Präsidenten geplant war, jedoch letztlich nur einen Monat in dessen Leben beleuchtet. Dieser Fokus ist sehr ungewöhnlich, aber auch gleichzeitig enorm faszinierend, da es dadurch möglich ist, diese politische Welt Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA im Detail zu erfassen. Die Welt- und Wertvorstellungen der damaligen Politiker, die Bewegungsfreiheit eines Präsidenten und die Wichtigkeit von politischen Entscheidungen, selbst wenn nur einige wenige Männer an einem leeren Tisch zusammen sitzen und verhandeln. Man hat nach einer Weile das Gefühl, selbst Teil dieser Welt zu sein, obwohl sie einem doch enorm fremd vorkommt.

 

 

Die zentrale Figur ist selbstverständlich Abraham Lincoln, der von Daniel Day-Lewis atemberaubend perfekt gespielt wird. Eine solch akkurate und perfektionistische Darbietung habe ich selten erlebt und wird sicher mit dem Oscar in diesem Jahr belohnt werden, seinem dritten. Lincoln war ein äußerst komplexer Mensch, der stets als kalt  und nachdenklich beschrieben wird. Genau dieses Gefühl ist es, das Lewis vermittelt, wenn er die langen Monologe des Präsidenten vorbringt. Stets ist er Herr der Lage, zieht im Hintergrund die Fäden und dreht die politische Bühne so zu seinen Gunsten, wie er es braucht. Gleichzeitig ist er Idealist und Träumer, der seinen Vertrauten Anekdoten und Späße erzählt, bevor er sie mit den aktuellen Geschehnissen referenziert. In den entscheidenden Augenblicken jedoch handelt er entschlossen und zu allem fähig, selbst wenn er körperlich schwach und angeschlagen wirkt. Seine schiere Größe, sein Zehenspitzengang, die schwerfälligen Bewegungen, die Handhabung seines Zylinders, all das prägt das Bild eines intellektuellen Mannes, der mit unbarmherzigem Charisma für die Gleichstellung aller Menschen vor dem Gesetz ringt. Gleichzeitig bekommt der Zuschauer aber auch den Privatmann Lincoln zu Gesicht, der unfähig ist, eine persönliche Beziehung zu seinem ältesten Sohn aufzubauen oder seine Frau zu verstehen, während er seinen jüngsten Spross vergöttert. Seine Haltung zur Sklaverei war ebenso indifferent. Auf der einen Seite war es ihm wichtig, der Sklaverei ein Ende zu bereiten, doch entwickelte sich diese Haltung erst im Laufe des Krieges. Zu sehr war er ein gesetzestreuer Mann, der sich niemals zum radikalen Abolitionisten entwickelte, sondern nur seinen Idealen folgte. Jedes dieser Elemente wird im Film auf irgendeine Weise behandelt und verinnerlicht sich dem Zuschauer sehr schnell. Der Detailreichtum um die Person Abraham Lincoln wirkt ebenso atemberaubend orchestriert, wie Daniel Day-Lewis‘ schauspielerischen Kunst.

 

 

Ebenso detailliert ist die Darstellung der politischen Bühne, der man mitunter allerdings nur schwer folgen kann. Wie bereits erwähnt, ist die Sprache des Films enorm hochgestochen und kompliziert, das Erfassen von Zusammenhängen fällt nicht-universitär gebildeten Menschen sehr schwer. Hinzu kommt eine unglaubliche Fülle an Personen, der man als Zuschauer Herr werden muss, wenn man mehr als nur die Oberfläche aufnehmen möchte. Der Umgang der Politiker miteinander ist ungewohnt, ihre Namen sind schwer zu merken und vor allem ihre Parteizugehörigkeit einzuordnen bereitet Probleme. Wenn man diesen Dreh allerdings einmal raus hat, öffnet sich eine große Welt, in die man gerne und bereitwillig eintaucht. Entsprechend bedeutender werden auch die finalen Ereignisse, die ein wenig überdramatisch in Szene gesetzt werden. Das mag auch der letzte Kritikpunkt am Film sein, seine gelegentlich Überdramatisierung, sei es in manchen Dialogen oder im Finale. Ein wenig unnötig in meinen Augen, da der Film eigentlich viel Wert darauf legt, eben nicht in die große Dramatik und in reißerische Szenen abzudriften, sondern sogar mitunter mit Bescheidenheit glänzt. Gerade Sally Field als Mary Todd Lincoln ist das Sinnbild der Dramatik und setzt die Gattin des Präsidenten fabulös in Szene. Den Gegenpart dazu bildet Tommy Lee Jones als Thaddeus Stevens mit seiner regungslosen Miene, dem messerscharfen Verstand und unbändigem Pragmatismus. Jeder Charakter besitzt seine Nische, die den Film auf eine sehr runde Basis stellen und ihn perfektionieren. Eines jedoch haben sie alle gemeinsam: Sie formen ein historisches Bild einer uns fremden Zeit, das den Zuschauer fasziniert zurücklässt und viele Fragen und Theorien aufwirft, die man nicht erwartet hat. Lincoln bietet uns somit den optimalen Boden, um eine Reflexion unserer heutigen Zeit und uns selbst durchzuführen, zu der wir leider viel zu selten ansetzen.

 

 

Fazit:

Lincoln ist das nahezu perfekte Historiendrama unserer Zeit. Spielberg schafft es ein trockenes Thema zu nehmen, das den Patriotismus jedes Amerikaners in Wallung bringt, und macht daraus ein interessantes und äußerst anspruchsvolles Drama. Die Glorifizierung des amerikanischen Helden Abraham Lincoln ist natürlich ein erwarteter Teil, der aber nicht störend ist, sondern eher einnehmend daherkommt. Man merkt dem Film seine Hingabe an den historischen Kontext und seine Hauptfigur in jedem Moment an, man wird förmlich dazu gedrängt Teil dieser Zeit zu werden während der Betrachtung. Es sei jedoch noch einmal die Warnung ausgesprochen: Der Film ist sprachlich und inhaltlich sehr anspruchsvoll und nicht für jeden geeignet. Der Kinobesuch sollte dementsprechend gut überlegt sein, auch wenn es zu wünschen wäre, wenn sich jeder Mensch ausgiebig mit einem solchen Thema beschäftigen würde. Spielberg macht es uns so angenehm wie möglich, indem er einen solch einnehmenden Film erschafft, dem die historische Atmosphäre aus jeder Pore strahlt.

 

 

Persönliche Meinung:

Ich war zu Beginn sehr skeptisch, da Lincoln mit enormen Vorschusslorbeeren und 12 Oscar Nominierungen beladen worden war. Die Angst, noch mehr Hurra-Patriotismus und Selbstliebe des Amerikaners vorgesetzt zu bekommen, hatte mich davon abgehalten den Film im Kino zu sehen. Doch die Überwindung hat sich gelohnt, ich muss Steven Spielberg dafür Respekt zollen, dass er aus Lincoln zwar eine Glorifizierung und Heldenverehrung macht, die ich ihm aber niemals übel nehmen kann. Zu präzise sind der historische Kontext und das stete Bemühen die politischen Themen in den Vordergrund zu rücken. Ich war beeindruckt von diesem Streben nach akkuraten Details und wurde förmlich in einen Sog gerissen, der von Daniel Day-Lewis‘ göttlichem Schauspiel vollendet wurde. Gebt dem Mann bitte seinen dritten Oscar, er hat es mehr als verdient. Wenn ihr euch für Geschichte und Anspruch interessiert, dann sei euch der Film unbedingt ans Herz gelegt. Zudem stellt er ein Zelebrieren der präzisen Filmkunst dar, die nur schwer zu übertreffen sein wird im diesjährigen Oscar-Rennen. Mir hat er zudem noch einiges klar gemacht, dessen ich mir bisher nicht  bewusst genug gewesen war. Beispielsweise die Tatsache, dass die Geschichte der USA im Vergleich zur europäischen noch sehr jung ist und der Amerikaner somit ein komplett anderes Verhältnis zu Geschichte und Tradition hat, als wir es beispielsweise tun. Das ist sicherlich keine Neuigkeit, aber das Bewusstmachen solch differenzierender Zusammenhänge fällt uns in der heutigen Zeit enorm schwer. Wir reagieren häufig mit Unverständnis und Zweifeln an amerikanischen Verhältnissen oder politischen Handlungen, versuchen aber nur selten zu verstehen, was wirklich hinter dieser scheinbaren Oberflächlichkeit oder den extremen Handlungen steckt. Ich sehe immer noch vor mir, wie Lincoln mit seinem Sohn auf einer offenen Kutsche quer durch Washington fährt, ohne Begleitschutz oder Hilfe. Wie sich die Zeiten ändern können, ist wirklich erstaunlich.

Rating: ★★★★★★★★☆☆ 

 

Fakten:

Regie:  Steven Spielberg

Darsteller:  Daniel Day-Lewis, Sally Field, Tommy Lee Jones, Joseph Gordon-Levitt, David Strathairn, James Spader

Drehbuch:  Tony Kushner

Budget:  $65 Mio.

Deutscher Kinostart:  24. Januar 2013

 

 

Quellen:  Internet Movie Database, Box Office Mojo, wikipedia.de, moviedeskback.com

 

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