Zero Dark Thirty

 

Die Demaskierung eines westlichen Weltbildes!

 

 

Der 11. September 2001 hat dem Kurs der westlichen Geschichte eine dramatische Wendung gegeben, die noch lange Zeit zu spüren sein wird. Seit diesem Tag war der amerikanische Geheimdienst auf der Jagd nach dem Anführer des Terrornetzwerks Al-Qaida, dem in Saudi-Arabien geborenen Osama bin Laden. Am 2. Mai 2011 schließlich gelang es einem Spezialkommando den „Terrorfürsten“ in einer Villa in einer pakistanischen Grenzstadt zu stellen und zu erschießen. Zero Dark Thirty ist der erste Film, der sich dieser zehnjährigen Jagd annimmt und sie auf eine unspektakuläre und eindringliche Weise darstellt. Regisseurin Kathryn Bigelow, die bereits mit The Hurt Locker tiefgründige Probleme mit Krieg und Terror verarbeitete, drehte den Thriller mit demselben Team wie beim Oscar-prämierten Film von 2008. Das exzellent recherchierte und präzise Drehbuch verfasste erneut Mark Boal, der bereits für The Hurt Locker mit dem Oscar ausgezeichnet worden war.

 

 

Maya (Jessica Chastain), eine junge und ehrgeizige CIA-Agentin mit enormem Potential, wird 2003 nach Pakistan versetzt, um dort bei der Entschlüsselung der Terrornetzwerke der Al-Qaida mitzuarbeiten. Schnell sieht sie sich mit den Foltermaßnahmen konfrontiert, die zur Informationsbeschaffung benutzt werden, um die Top-Terroristen zu ergreifen. Während der Ermittlungen in ihrem kleinen Team läuft ihr immer wieder der Name „Abu Ahmed“ über den Weg, ein Mann, der angeblich direkten Kontakt zu Osama bin Laden haben soll. Ihre Jagd nach diesem Geist, den niemand je gesehen haben will, scheint ins Leere zu führen, während weitere Anschläge die Welt erschüttern. Schließlich jedoch stößt sie auf eine alte Akte, die ihrer Meinung nach beweist, dass Abu Ahmed nicht nur existiert und noch am Leben ist, sondern zudem auch einen direkten Weg zu ihm darstellt. Ihr Fanatismus ebnet den Weg zu weiteren Ereignissen, die zur Identifizierung von Abu Ahmed führen, der sich des Öfteren in einer verdächtigen Villa in Pakistan aufhält, die nach außen hin vollkommen abgeschottet worden ist. Maya ist überzeugt, das Versteck von bin Laden gefunden zu haben und überzeugt den CIA Direktor (James Gandolfini) von einer verdeckten Stürmung des Anwesens. In der Nacht zum 2. Mai 2011 schließlich betreten zwei Spezialteams das Gelände auf der Suche nach ihrem Ziel.

 

 

Zero Dark Thirty basiert angeblich auf akkuraten Berichten von Beteiligten und Informationen, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Inwieweit dies alles korrekt ist, kann niemand wirklich sagen, doch die reine Darstellung der Szenen zeigt mehr als deutlich, dass es sich hierbei nicht um Effekthascherei handelt. Der Film ist so unglaublich unspektakulär, dass er komplett auf jedwede Wertung egal in welchem Bereich verzichtet. Die Folterszenen werden explizit gezeigt, jedoch auf eine Weise, die niemanden daran zweifeln lassen kann, dass solche Praktiken angewandt worden sind. Sie beschränken sich allerdings nur auf einen kleinen Teil des Films, der sehr viel Wert auf Details der Zusammenhänge legt und kaum auf die Charaktere. Bigelow bemüht sich stets das Gesamtbild zu halten und die Jagd nach bin Laden so exakt wie möglich zu zeigen, während alles andere in den Hintergrund tritt. Durch diese unspektakuläre Darstellung demaskiert sie den Mythos der Jagd nach dem Terror auf eindringliche Art und Weise. Statt einem großen Auflauf wichtiger Menschen, bombastischer Explosionen und einem bis an die Zähne bewaffneten Terrorführers, zeigt sie uns die eigentlichen Hintergründe dieses Bildes. Lediglich ein kleines Team geht den Spuren nach, versucht Zusammenhänge aufzudecken und in Kleinstarbeit Details auszuarbeiten. Ein Team, das an einen einzigen Tisch passt, ist die Spitze des Terrorkampfes im afghanisch-pakistanischen Raum. Das Bild des „Krieg gegen den Terror“, wie es in unserer Hemisphäre oft dargestellt wird, zerplatzt während des Films wie ein Ballon.

 

 

Ebenso unspektakulär fallen die Actionszenen aus. Das Spezialteam geht präzise und logisch vor, anstatt wie amerikanische Cowboys vorzustürmen, wie man es aus anderen Filmen kennt. 157 Minuten lang erleben wir diese spannende Jagd und fragen uns am Ende, was uns wirklich am Meisten bewegt hat, da wir doch große Bilder und effektvolle Szenen gewohnt sind. Und genau das ist, was Zero Dark Thirty zu diesem besonderen Film macht, den man lange im Gedächtnis behalten wird. Wir in der westlichen, sicheren Welt verlieren diese Illusion, die uns stets davor geschützt hat, uns das Thema wirklich bewusst zu machen. Stets haben wir versucht Abstand zu gewinnen, haben nie versucht uns klar zu machen, dass es sich bei Al-Qaida tatsächlich um reale Menschen und keinen illusionären Mythos handelt und die Menschen die sie jagen ebenso, damit wir in der Wolke unserer Welt abgeschottet weiterleben können. Als ich mich während des Films im Kino umsah, bemerkte ich, dass beinahe jeder Zuschauer in einer stillen, defensiven Haltung dasaß, zumeist mit verschränkten Armen, beinahe, als wenn sie sich die Realität nicht bewusst machen wollten oder sich schützen müssen.  Bigelow zeigt uns schonungslos in einfachen Bildern, was Wirklichkeit bedeutet, ohne dabei auch nur ansatzweise einen patriotischen Faktor mitspielen zu lassen.

 

 

Das Zentrum des Thrillers ist sicherlich die Jagd nach Drahtziehern von Al-Qaida und ihrem Anführer, der mehr Hirngespinst als Realität zu sein scheint. Getragen wird diese Menschenjagd primär von einer herausragend spielenden Jessica Chastain, deren Figur die einzige wirklich zentrale Rolle im Film einnimmt. Man verfolgt ihre Entwicklung von der intelligenten, aber noch unerfahrenen Analytikerin, die bei den Folterungen nur schwer hinsehen kann, bis hin zur fanatischen Jägerin, der jedes Mittel Recht ist, um bin Laden zu fassen. Mayas radikale Überzeugung definiert diesen Film, der Ehrgeiz in ihren Augen, die Gewissheit, dass sie auf der richtigen Spur ist. Für sie gibt es kein Aufgeben, keinen Rückzug, sondern nur den Weg nach vorne. Welch enormen Einsatz und Druck sie dabei auf sich nimmt, erkennt man erst am Ende des Films, wenn sich gleichzeitig Erleichterung und Angst den Weg in ihr Gesicht bahnen. Zu keinem Zeitpunkt verliert Jessica Chastain den dramatischen Faden ihrer Rolle und ist nicht umsonst die höchste Anwärterin auf den Oscar.

 

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Maya: [to Navy SEALs] Quite frankly, I didn’t even want to use you guys, with your dip and velcro and all your gear bullshit. I wanted to drop a bomb. But people didn’t believe in this lead enough to drop a bomb. So they’re using you guys as canaries. And, in theory, if bin Laden isn’t there, you can sneak away and no one will be the wiser. But bin Laden is there. And you’re going to kill him for me. 

 

 

Einige kleine Schwächen muss man Zero Dark Thirty allerdings doch bescheinigen, jedoch sind diese im großen Zusammenhang eher unwichtig. Es gibt Längen, die man straffer hätte überbrücken können, um die Spannung aufrecht zu halten, die einen trotz der nüchtern-neutralen Darstellung unweigerlich ergreifen muss. Zudem ist es mitunter sehr schwer die Zusammenhänge zu verstehen und nicht nur im Film, sondern auch im eigenen Weltbild einzuordnen. Ein Moment der Unaufmerksamkeit kann genügen, um entscheidende Details zu verpassen, die zu weiteren Probleme führen können. Es ist schwer sich auszumalen, welch immenses Feingefühl das Produktionsteam beweisen musste, um diesen brisanten Film auf diese Weise machen zu können. Die Szenen mussten äußerst präzise geschrieben und geplant werden, um diesen verstörenden Effekt des Gesamtbildes zu erreichen, ohne dabei den neutralen Erzählpunkt zu verlieren. Dies ringt dem aufmerksamen Zuschauer unweigerlich höchsten Respekt ab, wenn er sich fragt, ob er hier nun einen Film oder nackte Realität zu Gesicht bekommt.

 

 

Fazit:

Zero Dark Thirty bezieht eine neutrale Position in einer Welt, die von Machtvorstellungen, Hass und Wahrheit entzwei gerissen wird. Der Film zeigt dem Zuschauer ein verstörendes Bild von Wirklichkeit, das Illusionen und Masken zerschmettert. Der Erzählstil ist dabei erschreckend unspektakulär, was die Beklemmung, mit der man zurückgelassen wird, noch intensiviert. Zu keinem Zeitpunkt zwingt uns Zero Dark Thirty eine Meinung auf, sondern schildert auf akribische Weise lediglich eine Realität, die sehr nah an Fakten angelegt ist. Was jeder Einzelne von uns daraus mitnehmen wird, sei ihm/ihr überlassen. Es sei jedoch festzuhalten, welch wichtige Position hier entsteht, die sich fernab von Schwarz und Weiß oder Gerechtigkeit und Strafe aufhält. Eine ganz klare Empfehlung für Jeden, der das Denken in Graustufen nicht verlernt hat und keine Schwierigkeiten damit hat, das eigene Weltbild zu erweitern.

 

Persönliche Meinung:

Dieser Film ist nicht für jeden Menschen gemacht! Radikal wird die Kamera auf Dinge gehalten, bei denen man sich bemüht hatte, sie niemals Wirklichkeit werden zu lassen und lieber zu ignorieren. Er ist brisant, beklemmend und erschreckend zugleich und hat mich mit einem seltsamen Gefühl zurückgelassen. Zum einen war ich mir sicher, den Spannungsfaden irgendwann verloren zu haben, bevor ich ihn gegen Ende wieder aufnehmen konnte. Zum anderen jedoch ist das Gesamtbild, das der Film für mich gezeichnet hat, so gigantisch, dass ich eigentlich nur applaudieren möchte. Das allerdings würde ich mich niemals trauen, da man bei einem solchen Film keinen Beifall erwartet, sondern nur betretenes Schweigen. Genau das war es, was während des Abspanns im Kinosaal auch herrschte. Lediglich die Filmmusik schallte noch ein wenig, während das Publikum geplättet in die wattebepackte Welt hinausging.

Rating: ★★★★★★★★☆☆ 

 

Fakten:

Regie:  Kathryn Bigelow

Darsteller:  Jessica Chastain, Mark Strong, Jason Clarke, Kyle Chandler, Jennifer Ehle, Joel Edgerton, James Gandolfini

Drehbuch:  Mark Boal

Budget:  $40 Mio.

Deutscher Kinostart:  31. Januar 2013

 

 

Quellen:  Internet Movie Database, Box Office Mojo, wikipedia.de, containsmderateperil.com

 

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