Oscars 2014 – Die Analyse

 

Überraschungsfreie Zone voller Selbstverherrlichung!

 

Gewinner

 

Es gibt eine ganze Reihe Fragen, die sich in jedem Jahr bei der Oscarverleihung traditionell stellen und wie bei jeder neuen Ausgabe großes Interesse einnehmen. Wer gewinnt die wichtigsten Kategorien? Gibt es Überraschungen? Wer trägt das schönste Kleid des Abends? Gibt es irgendwelche Patzer auf oder hinter der Bühne oder gar auf dem roten Teppich? Wie kommt der Eröffnungsmonolog des Hosts an? Usw. usw., die Liste dieser Fragen ist endlos und wir wollen eine kleine Übersicht darüber gewinnen, was gestern Nacht in Hollywood bei der Verleihung der 86. Academy Awards so alles geschehen ist. Eine gute Milliarde Menschen haben wie in jedem Jahr zugesehen, es stellt sich die Frage, ob alle so enttäuscht waren wie wir oder ob sich die meisten gut unterhalten fühlten. Im Folgenden eine Argumentation dafür, warum es sich in diesem Jahr um eine todlangweilige Veranstaltung handelte, der nahezu jeder frische Pep fehlte und von Stilisierungen überhäuft wurde.

 

 

Hollywood kämpft in jedem Jahr um einen Drahtseilakt, der manchmal nach hinten los geht und manchmal ganz gut funktioniert. Dabei geht es um die richtige Dosierung von traditionellen Elementen, Selbsthuldigungen und neuen, frischen Dingen, die die elitäre Show auf ein menschliches Niveau senken. Am Ende wird sich zwar trotzdem immer selbst auf die Schulter geklopft und das übliche Statement „It’s a great night to celebrate film making“ postuliert, doch bleibt in diesem Jahr ein fader Beigeschmack übrig, der sich nur schwer wegwischen lässt. Aber warum ist das so, schließlich war es eine klasse Show, mit einem witzigen und charmanten Host und auch verdienten Gewinnern in den meisten Fällen? Doch zunächst einmal zu den Gewinnern des Abends und denjenigen, die leider leer ausgehen mussten, bevor wir uns einem näheren Blick auf die Umstände widmen.

 

SlefieUnter dem Motto „Heldenhaftes Hollywood“ begann die Show mit dem gewohnt witzigen Humor von Ellen DeGeneres, die ihre Rolle nach anfänglich spürbar hoher Nervosität souverän meisterte. Sie gehört zu den Gewinnern des Abends, spätestens nach dem „Selfie“ (ein Handy-Selbstportrait, das auf sozialen Netzwerken geteilt wird) zu dem sie kurzerhand eine Horde Superstars um sich versammelte (u.a. Meryl Streep, Jennifer Lawrence, Brad Pitt, Angelina Jolie, Bradley Cooper uvm.) und damit Twitter zum Absturz brachte, hatte sie alle Zuschauer für sich gewonnen. Gewinner war ebenfalls Gravity, der mit zehn Nominierungen ins Rennen ging und sich am Ende über sieben der Goldjungen freuen konnte, unter anderem dabei der beste Regisseur für Alfonso Cuaron. Allerdings nicht für den besten Film, denn da konnte sich wie erwartet 12 Years a Slave durchsetzen, obwohl der Film ansonsten in keiner anderen Hauptkategorie (Regie, Hauptdarsteller) punkten konnte, was sehr ungewöhnlich ist.  Die Siege bei den Hauptdarstellern gingen an Matthew McConaughey für Dallas Buyers Club und Cate Blanchett für den Woody Allen Film Blue Jasmine. Zu Beginn der Show hatte bereits Jared Leto den Oscar für den besten Nebendarsteller in Dallas Buyers Club aus den Händen von Anne Hathaway entgegen genommen und sich in einer inspirierenden Rede bedankt. Ebenso siegend, aber weniger inspirierend redend, sprach die Gewinnerin der besten Nebendarstellung Lupita Nyong’o zu den vielen Superstars im Dolby Theatre. Als große Verlierer des Abends können sich sicher Captain Phillips und vor allem American Hustle die Hand reichen. Letzterer konnte bei zehn Nominierungen, davon sechs in den wichtigsten Kategorien, keine einzige Trophäe erringen.

 

Eine komplette Liste der Gewinner findet ihr hier.

 

Wer sich die Liste nur der Top Kategorien ansieht, wird feststellen, dass das alles nicht wirklich überraschend kam. Bei den mittleren Kategorien (Kostüme, Art Direction, Kamera etc) konnte man mal danebenliegen, aber grundsätzlich war jede einzelne Kategorie vorhersehbar und zu berechnen ohne echte Überraschungen. Das kommt sehr enttäuschend, denn es zeigt, dass die Politik des Vorfelds einen so immensen Einfluss auf den Ausgang entwickelt hat, dass die Chancen für einen Überraschungsgewinner praktisch nicht gegeben waren. Eine Situation wie sie Halle Berry 2002 erlebt hat, erscheint heutzutage utopisch. Die einzige Kategorie, in der es vielleicht ein knappes Rennen gewesen sein mag, war die der besten Nebendarstellerin, aber auch hier konnte man erneut die Maschinerie Hollywoods erkennen. Im Vorfeld wurde Jennifer Lawrences häufige Abwesenheit auf den roten Teppichen der Award Season bemängelt, so dass die Gunst der Wähler schnell in eine andere Richtung ausschlug nach ihrem Sieg bei den Golden Globes. Man konnte bereits am Verlauf der Show den Sieg von Lupita Nyong’o erkennen, da sie andauernd ins Rampenlicht gezogen wurde, der Trend war deutlich. Der Sieg mag durchaus gerechtfertigt sein, ihre Leistungen in 12 Years a Slave waren großartig. Es ist enttäuschend, dass die Maschinerie eine solch brutale Grundlegung besitzt, vollkommen egal wer letztendlich gewinnt. Die anderen Nominierten hätten auch nicht anwesend sein können in dieser Kategorie, sie waren vollkommen gesichtslos.

 

Leonardo-DiCaprioÜberraschungen waren also kein Weg den Hollywood gehen wollte, so dass Leonardo DiCaprio auch bei seiner vierten Nominierung für eine Rolle keinen Oscar bekommen konnte. Das wusste er sicherlich vorher schon und hat das frostige Lächeln im Spiegel lange geübt. Das bedeutet nicht, dass die Gewinner ihre Preise nicht verdient haben! Ich bin sicher, dass sie alle hervorragende Performances abgeliefert haben, allen voran das Duo aus Dallas Buyers Club. Bedauerlich ist allerdings, dass die Sieger schon eine Woche vorher feststehen durch einen Sympathietrend oder einen Hype. Hätte Leonardo DiCaprio den Oscar gewinnen müssen, das war die heiß diskutierteste Frage in Deutschland. Die Antwort: Nein hätte er nicht. Natürlich wäre er endlich einmal dran gewesen und seine Leistung war sehr gut in Wolf of Wall Street, doch Matthew McConaughey war einfach unschlagbar und das nicht nur im Vorfeld der Oscars, sondern sobald Dallas Buyers Club die Leinwände vor einiger Zeit erreichte. Ein verdienter Sieg ohne Frage, selbst wenn es nicht überraschend kam und DiCaprio Anlauf Nummer fünf damit bescherte.

 

BühneEine weitere Enttäuschung war das gezwungene Extreme, der amerikanische Lifestyle des Extremen um es genau zu benennen, das sich in diesem Jahr besonders stark zeigte. Die Laudationen waren beinahe durch die Bank langweiliger, überstilisierter Einheitsbrei, der vom Teleprompter abgelesen wurde und auch eigentlich gleich gelassen werden konnte. Das ist nichts Neues, aber in diesem Jahr war die Wortwahl brachial ausufernd und kaum mehr zu ertragen. Man war sehr dankbar zu sehen, dass einer Größe wie Daniel Day-Lewis dieser Brei nicht auch noch zugemutet wurde und er nur kurz sagen musste, dass alle Schauspielerinnen großartige Arbeit geleistet haben und welche Nominierungen in diesem Jahr bestünden. Wie langweilig es sein muss, diese Texte abzulesen, zeigte ein verwirrt wirkender John Travolta, der die Ankündigung von Broadway Star Idina Menzel vollkommen daneben setzte und einen gänzlich anderen Namen aussprach, den noch nie jemand zuvor gehört hat. Zudem hat Hollywood scheinbar das Prinzip der „Standing Ovations“ nicht mehr ganz im Hinterkopf, denn der normale Applaus scheint durch dieses ersetzt zu werden. Ob nun bei allen wichtigen Kategorien oder bei Bette Midler und ihrem selbstherrlichen Gesangsstück oder bei so vielen anderen Gelegenheiten, immer standen die Promis auf ihren Füßen und klatschten kräftig in die Hände. Da muss man sich fragen, ob diese Form des Applauses noch irgendeine besondere Bedeutung besitzt oder ob jeder aufstehen muss, sobald ein anderer Einzelner aufsteht, um das Gesicht nicht zu verlieren? Das ist dann wohl Showbusiness wie es leibt und lebt und man nur alles mitmachen muss.

 

Cate-Blanchett-Oscars-2014Umso erfrischender kamen einzelne Momente hervor, die aus diesem traditionsbehafteten und gezwungenen Oberflächlichkeitswahn hervorstachen. Seien es bewegende Reden wie die von Malcolm Clark und Carl Freed, der Gewinner für den besten Dokumentarfilm, oder auch eine spontane Gageinlage von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez, die ihre Dankesreden für den Oscar des besten Songs als sich reimende Namen aufgebaut haben und mit viel Spaß vortrugen. Oder nicht zuletzt auch Matthew McConaugheys Verkörperung der wahrscheinlichen Reaktion seines verstorbenen Vaters auf seinen Oscar. Überhaupt waren die Gesangseinlagen, neben Ellen DeGeneres, die positivste Seite der Show, mal abgesehen von einem sinnfreien Auftritt von Bette Midler. Pink und Idina Menzel konnten zeigen, welch herausragende Stimmen sie besitzen und bewegten das Publikum enorm, während Pharrell Williams mit seinem Song „Happy“ gleich zu Beginn für gute Laune und Freude sorgte. Ironischerweise war dies der erste Moment für Standing Ovations, aber auch nur, weil Williams zum Mittanzen aufforderte und dann ohnehin schon alle standen. Wenn er gewusst hätte, welche Vorzeichen er damit setzte. Die einzigen Reden, die es geschafft haben, diese oberflächliche Feier zur Selbstbeweihräucherung zu durchbrechen, waren die von Jared Leto und Cate Blanchett. Bei ersterem weiß man, dass er sich nicht viel um die ganze Show schert, sondern auch sagt was er denkt, was er in seiner ernsten Rede auch auf politischen Bahnen darbrachte. Cate Blanchett konnte mit ihrer Bescheidenheit glänzen, als sie die erste Hälfte ihrer Rede nicht auf sich selbst richtete oder eine lange Liste Cousinen dritten Grades aufzählte, sondern sich an ihre Mitnominierten wandte und die Leistungen jeder Einzelnen ehrlich und offen lobte. Dafür können diese sich zwar nichts kaufen, aber es war sehr erfrischend in ein ehrliches Gesicht blicken zu können und einen Menschen zu sehen, der die Selbstverständlichkeit des Ganzen nach all ihrem Erfolg als nicht gegeben sieht!

 

Fazit:

Was kann man an diesem Bericht am besten erkennen? Es kam viel zu wenig auf die Filme an, viel zu wenig auf die Leistungen und Darstellungen, sondern viel zu viel auf die Show, auf Präsentation, auf Politik, auf Selbstverherrlichung und Desinteresse für die anderen Leistungen an, das jederzeit hinter den extremen Worten der Laudatoren und Redner hindurchblickte. Und wenn man doch mal auf die Filme zu sprechen kommt, muss sich Hollywood eine Frage stellen: Ist der Oscar für den besten Film in den richtigen Händen? Der Film, mit dessen Thema man, so berührend und wichtig es sein mag, den Oscar fast sicher hat oder der Film, der das Kino als erster 12 yearsFilm in diesem Jahrzehnt auf eine neue Ebene hob? Die Academy hat die Entscheidung getroffen und 12 Years a Slave zum besten Film gewählt. Sicherlich nicht unverdient, aber es ist enttäuschend, denn solche Filme gibt es jedes Jahr in irgendeiner Form und das Thema Sklaverei wird jedes Jahr aufs Neue bei den Oscars aufs Tablett gebracht. 12 Years a Slave wird man in den nächsten Monaten vergessen, wohingegen man von Gravity noch im nächsten Jahrzehnt sprechen wird. Wohin gehört also ein Oscar?

Erklärt mich für naiv und blauäugig, doch der Spaß an einer solchen Veranstaltung ist schwer zu finden, wenn man ausschließlich Fassaden und aufgewärmte Floskeln vorgesetzt bekommt. Das alles sind keine Neuigkeiten, diese Dinge gibt es dort jedes Jahr zu sehen, doch in diesem Jahr war es auffällig erdrückend und lähmte eine Show, die eigentlich dazu gedacht ist, der Welt zu zeigen, welch tiefgründige und wichtige Bereicherung Filme für unser Dasein sind.

Bevor ich es vergessen: Den Titel für das schönste Kleid teilen sich in meinen Augen Charlize Theron (wie immer), Jennifer Lawrence, Cate Blanchett und Amy Adams. Patzer gab es den einen oder anderen, wie z.b. einem weiteren Sturz von Jennifer Lawrence, ähnlich wie im letzten Jahr, nur diesmal auf dem roten Teppich. Natürlich wie erwähnt John Travoltas Faux-Pax und man sollte vielleicht dem armen Herrn von der ABC sagen, dass ein Versprecher der Marke „Jessica Roberts“ sogar einem Laien auffällt. Das musste noch sein, schließlich müssen auch wir manchmal der Oberflächlichkeit nachgeben.

 

Quellen: Internet Movie Database, t-online.de, faz.net, onsugar.com

 

GD Star Rating
loading...


Hinterlasse einen Kommentar, oder nutze den trackback auf deiner Homepage.

Eine Antwort to “Oscars 2014 – Die Analyse”

  1. abert sagt:

    Also das nenne ich mal eine ehrliche und kompetente Analyse, die diesen Abend in klarer, sachlicher und tiefgründiger Weise durchleuchtet. Wie anders ist es nämlich zu erklären, dass Ihr bei den Vorhersagen fast zu 100% richtig lagt. Wenn alles schon so klar ist, warum dann diese Veranstaltung? Selbstbeweihräucherung in bester Hollywoodmanier? Und die Welt, oder besser die Filmwelt, steht staunend vor dieser fehlerfreien Veranstaltung, die keinerlei Überraschungen brachte, die bei den Dankesreden so erbärmlich langweilig war, die ihren Höhepunkt in der Moderation und 2 Songs hatte! Nee, danke, das kratzte gestern Abend sehr am Flair dieser Veranstaltung. Ich bin enttäuscht von dieser Preisverleihung, aber ich bin begeistert von Eurem Statement.

    GD Star Rating
    loading...

Hinterlasse einen Kommentar

Du musst dich einloggen, um einen Kommentar hinterlassen zu können.