Her

 

Echte Gefühle ohne Zwang!

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Was ist richtig, welches Verhalten ist falsch? Welche Gefühle sind real, was ist nur eine Illusion in unseren verzweifelten Gefühlswelten? Nimmt Technik zu viel Raum in unseren gefühlstechnischen Räumen ein? Verlieren wir dadurch die Fähigkeit zur sozialen Kommunikation oder ist es genau andersherum, dass wir uns in alternative Welten flüchten, weil wir mit der Realität nicht klarkommen? Das sind nur einige wenige Fragen, die der ruhige und doch so einnehmende Film von Regisseur und Autor Spike Jonze in seiner Laufzeit aufwirft. Diese Fragen klingen jetzt unheimlich schwer und unangenehm, doch schafft es der Film, sie vollkommen ungezwungen und leicht zu vermitteln. Wie er das macht, sehen wir uns jetzt ein wenig genauer an.

 

 

StadtTheodore (Joaquin Phoenix)  lebt alleine in seinem Appartement, umgeben von futuristischen Spielereien und leerem Raum. Er geht regelmäßig seiner Arbeit als Verfasser von Liebesbriefen nach, unterhält sich gelegentlich mit seiner unglücklichen Nachbarin Amy (Amy Adams) und fühlt sich vollkommen verloren, einsam und verzweifelt in seiner Existenz. Sein Leben steht seit seiner Trennung von Ehefrau Catherine (Rooney Mara) Kopf, Leere hat Einzug gehalten, die er nicht in der Lage ist zu füllen. Aus purer Neugierde kauft er sich ein neues Betriebssystem für seine Computerlandschaft, ein interaktives, lebensähnliches Wesen, das sich in seinen technischen Geräten einnistet. Als sie sich kurzerhand als Samantha (gesprochen von Scarlett Johansson) vorstellt, ist Theodore zunächst irritiert, bevor er beginnt, sich näher mit der Computerstimme zu unterhalten und die Persönlichkeit der künstlichen Intelligenz kennen zu lernen. Nach und nach beginnt Samantha mit ihren Eigenheiten und ihrem unnachgiebigen Charme Theodores Leben umzukrempeln und ihn zurück in die Realität zu holen, während Theodore ihr die wirkliche Welt zeigt und sie mit Gefühlen und Freude bekannt macht, an der sie wächst und sich entwickelt. Als das Undenkbare geschieht und sich beide ineinander verlieben, beginnt etwas ganz Außergewöhnliches, das mehr als ein Problem in sich trägt.

 

 

WohnungUm das Ausmaß der Tiefgründigkeit dieses Filmes verstehen zu können, muss man zunächst einen Blick auf die Lebenswelt der Figuren werfen. Das Setting ist ebenso gegensätzlich wie der gesellschaftlich gelebte Gedanke, dass Technik und Gefühle streng getrennt sein müssen. Zum einen ist der technische Fortschritt, im Vergleich zu unserer Welt deutlich, spürbar und in den Gebäuden und Umgebungen sichtbar. Beinahe alle Geräte sind sprachgesteuert, es gibt holographische Projektoren, Briefe werden nicht mehr geschrieben oder gestempelt, sondern gesprochen und gescannt. Nicht zuletzt ist da Samantha, die als Betriebssystem Theodores komplettes Leben einsehen kann. Sie durchforstet seine E-Mails, beurteilt was wichtig ist und was gelöscht werden kann (und macht es dann auch eigenständig!), teilt mit ihm Lebenserfahrungen und entwickelt sich während des Films zu einer grandiosen Persönlichkeit, die selbstständig auf Theodores Geräten, primär dem Mobiltelefon, agiert.  Im Kontrast zu dieser Welt stehen die Outfits der Figuren und die spärlichen Möblierungen. Theodores Kleidung ist im Stil der 70er Jahre gehalten, ebenso Amys langweilige Wollsachen. Dazwischen erscheint immer wieder die futuristische Gesellschaft, wo jeder einen Knopf im Ohr hat und es ganz normal zu sein scheint, sich mit dem eigenen Betriebssystem ein Leben zu teilen. Die Prioritäten in dieser Welt sind im Vergleich zur unsrigen etwas verschoben, so dass es eminent wichtig ist, eine Beurteilung aus genau dieser Perspektive zu richten.

 

 

HERAuf dieser Basis ist es nun möglich, Theodores Verhalten in einen Kontext zu setzen und verstehen zu können. Seine Verzweiflung, die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, die immer wieder durch sein leeres Starren in die Gegend und die Gedankenblenden an schönere Tage mit seiner Frau dargestellt werden. Jeder eingefangene Moment symbolisiert ein Thema in Theodores Leben, als Beispiel sei hier seine Heimkehr von der Arbeit genannt. Mechanisch holt er seine Post aus dem Briefkasten, quatscht oberflächlich mit den Nachbarn, betritt seine dunkle Wohnung, wo ganz langsam nur das Licht angeht und den Blick freigibt auf große, leere Räume, spärlich möbliert. Er geht langsam auf eine Dreiergruppe unmotiviert in der Mitte des Raumes platzierter Klappstühle zu, legt seine Aktentasche auf die Kante und lässt sie, ohne sich auch nur einen Millimeter zu viel zu bewegen, los. Die Tasche rutscht runter, öffnet sich leicht, doch Theodore steht immer noch starr im Raum, ohne eine Regung im Gesicht. Sein Kontakt zu anderen Menschen ist nur oberflächlich, was wiederum im krassen Kontrast steht zu seiner Arbeit als Verfasser von tiefgründigen, herzerwärmenden Liebesbriefen. Erst im Laufe des Films und mit Samanthas Hilfe wird ihm bewusst, wie sehr er das Leben von anderen gelebt hat und sich selbst keine Rolle mehr gespielt hat. Doch bei all der oberflächlichen Komplexität verbirgt sich ein einfaches Gefühl, das jeder von uns schon erlebt hat und nachvollziehen kann. Auf diese Weise gelingt dem Film eine enorme Imersion für den Zuschauer zu erzeugen.

 

 

HERDie Beziehung zu Samantha ist unheimlich schwierig zu beschreiben, da dies eigentlich nur auf eine einzige Weise wirklich geht: indem man sie als echten Menschen betrachtet. Dargestellt wird sie nur durch ihre Stimme und gelegentlichen Zeichnungen auf dem kleinen Bildschirm, der Rest wird ausschließlich von Joaquin Phoenix gespielt. Auf diese verrückte Weise ist er bis zu einem bestimmten Grad ebenfalls Samantha, da nur durch seine Interaktion diese Figur zum Leben erwacht ohne wirklich da zu sein. Es ist zudem sehr beachtlich, wie sich Autor Spike Jonze nicht davor scheut, die Probleme einer Beziehung zwischen Mensch und lebendem Computer darzustellen. Alleine die fehlende körperliche Präsenz ist massiv, schließlich ist Samantha nur eine Stimme, die lediglich ab und an als Mobiltelefon gezeigt wird, bei dem die Kamera als ihr Auge dient. Es soll nicht zu viel gespoilert werden an dieser Stelle, aber die Problematik um die fehlende Körperlichkeit ist ein ganz zentraler Punkt für die Figuren und vor allem auch für den Zuschauer. Dieser muss während des Films entscheiden, ob er diese Romanze für gut empfindet oder nicht. Ist es Theodores Recht, diese Gefühle zu haben ohne einen echten Menschen oder sollte er sein Leben auf „normale“ Weise in den Griff kriegen ohne Samanthas Hilfe? Sind es wahre Gefühle, die er so empfinden „darf“ oder hat er sich in eine illusorische Welt geflüchtet, die nicht rechtens ist?

 

 

AmyHer bewegt sich auf allen Ebenen auf allerhöchstem Niveau. Sowohl filmtechnisch, als auch im Bereich des Drehbuchs oder natürlich ganz offensichtlich bei den ausgewählten Schauspielern. Der Film war für mehrere Oscars nominiert, unter anderem als Bester Film, und gewann ihn für das Beste Drehbuch. Es dürfte für Zuschauer des Films unverständlich erscheinen, wieso Joaquin Phoenix keine Nominierung erhalten hat, ist seine Darbietung schlichtweg phänomenal. Jede Regung, jedes Gefühl und jede Situation, Sehnsucht oder innerer Konflikt kann man auf seinem Gesicht ablesen. Er spielt Theodore nicht nur, er IST Theodore auf so vielen verschiedenen offensichtlichen und versteckten Ebenen, und jeder Mensch mit einem Hauch Einfühlungsvermögen kann sich problemlos mit ihm auf seinen Weg der Genesung begeben. Auch die Nebenrollen sind enorm stark besetzt, mit Amy Adams als scheue Frau in einer disfunktionalen Ehe, die von ihrem Ehemann geringschätzig behandelt wird. Erwähnen muss man natürlich vor allem Scarlett Johansson, die mit ihrer rauchigen Stimme Samantha erst die Persönlichkeit gibt, die uns während des Films fasziniert. Es ist sehr zu empfehlen, den Film im englischen Original anzuschauen!

 

 

Fazit:

Ich könnte stundenlang weiter über diesen Film philosophieren und analysieren, ohne auch nur ansatzweise an ein Ende zu gelangen. Er wirft so viele wichtige Fragen auf, über unsere Existenz, über unsere Einschätzung von Richtig und Falsch, über unser Verhältnis zu Technik, über das Verarbeiten von Gefühlen und sozialen Probleme, über Einsamkeit inmitten von Menschen, über die Ersetzung von primären Lebensfokussen zur Verarbeitung von Geschehnissen,  dass man dies unmöglich in einer Rezension vorbringen kann. Einige wenige Fragen habe ich aufgeworfen, jeder von euch darf sich diese selbst noch einmal stellen und auch selbst beantworten. Dieser Film hat jede Auszeichnung verdient und jede Belobigung, die man darüber sagen kann. Ja, am Ende wird es ein klein wenig zäh und der Film ist ca. 15 Minuten zu lang, aber das macht alles überhaupt nichts! Jeder Kinozuschauer hat hier die einzigartige Gelegenheit, über sein Leben auf eine besondere Weise zu reflektieren und jede Sekunde eines Filmes ganz präzise zu beobachten. Herausragendes Kino!

 

Persönliche Meinung:

Ich hatte sehr große Erwartungen an Her und wurde zum großen Teil nicht enttäuscht. Zwischendurch gab es einige Längen, doch selbst diese entpuppten sich als weitere Ansätze zum Verständnis und zur Reflexion. Der Film wirkt rund, zu Ende gedacht und durchdacht, als wenn jemand sich wirklich lange Zeit zurückgezogen hat, um das Leben in seinen Grundfesten zu packen und zu beschreiben. Ich für meinen Teil habe sehr viel gelernt, weil Her es schafft, wichtige Botschaften zu vermitteln, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Stattdessen ist er leise und ruhig, lebt von einfachen Bildern und grandiosen Darstellern. Am Ende muss sich jeder von uns fragen, wie viel von einem selbst in diesem Film wirklich steckt. Benutzen wir nicht alle Substitutionen, um mit unseren Problemen fertig zu werden und Gefühle verarbeiten zu können? Ich selbst habe so etwas im übertragenen Sinne bereits zweimal auf ähnliche Weise erlebt und konnte mich mit Theodore unglaublich eng identifizieren. Ich kenne dieses Gefühl von Einsamkeit und Leere inmitten von Chaos und Menschen. Und so schaffte es dieser Film mich an einer Wurzel zu packen, die mir in der Entwicklung meines Lebens sehr viel gebracht hat. In meinen Augen ist Her einer der wichtigsten Filme dieses Film-Jahrzehnts.

Rating: ★★★★★★★★★☆ 

 

Fakten:

Regie und Drehbuch: Spike Jonze

Darsteller: Joaquin Phoenix, Amy Adams, Olivia Wilde, Scarlett Johansson, Chris Pratt

Budget: $23 Mio.

 

 

Quellen:  madisonmoviefiles.com, Box Office Mojo, Internet Movie Database

 

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