Birdman – Große Filmkunst mit einem Hauch Wahnsinn

 

Zunächst galt Birdman nur als Geheimfavorit in der Award-Season 2014/2015. Der Film lief ordentlich in den Kinos und die Reviews waren bereits sehr gut. Doch seit einigen Wochen hat er sich in die erste Reihe vorgeschoben und zieht der Konkurrenz die Federn. Birdman ist etwas Besonderes unter besonderen Filmen. Er vereint Lebensphilosophie, Gesellschaftskritik, Charakterstudie, Film- und Schauspielkunst, herrlichste Selbstironie, geniale Komik und Schizophrenie in einem und ist gleichzeitig eine Hommage an das dramatische Theater. Das alles in zwei Stunden ohne zu überladen? Ob ihr es glaubt oder nicht: es ist möglich!

Birdman

 

Mit Birdman im Hinterkopf

FlyingRiggan Thomas (Michael Keaton) ist ein abgehalfterter, alternder Schauspieler, dessen beste Zeit lange hinter ihm liegt. Damals vor über 20 Jahren war er der Superheld Birdman und begeisterte eine ganze Genration im Kino. Heute trägt er ein Toupet, hat keine Karriere, dafür aber eine drogensüchtige Tochter Sam (Emma Stone) und den Wunsch, sich noch ein einziges Mal ins Rampenlicht zu stellen. Zu diesem Zweck versucht er ein dramatisches Theaterstück auf dem Broadway zu inszenieren. Neben seiner eigenen Hauptrolle gehören noch die verzweifelte und zynische Schauspielerin Lesley (Naomi Watts) und seine Liaison Laura (Andrea Riseborough) zum Ensemble, während sein schmieriger Anwalt Jake (Zach Galifianakis) im Hintergrund versucht, alles zusammenzuhalten. Als der zweite Hauptdarsteller „ausfällt“, sieht sich Riggan gezwungen, den ambitionierten Schauspieler Mike Shiner (Edward Norton) zu engagieren. Doch Riggan hat ganz andere Probleme, denn das Stück ist gefährdet. Niemand glaubt an ihn, eine Katastrophe jagt die nächste und er selbst scheint den Verstand zu verlieren. Verzweifelt versucht er von Selbstzweifeln zerfressen, seinen Verstand, das Theaterstück, seine Familie und seine Karriere zu retten. Doch da ist diese Stimme in seinem Hinterkopf, die immer wieder zu ihm spricht: Du bist Birdman!!

 

Riggan: [as Birdman] People, they love blood. They love action. Not this talky, depressing, philosophical bullshit.

 

Große Filmkunst ganz ohne Vogel

Naomi, Zach, MichaelBereits nach fünf Minuten im Film ist eines klar: dieser hier ist anders. Die ersten Sequenzen sind einige einzige Kamerafahrt quer durch das Theater, vorbei an Bühnentechnikern und Darstellern, durch Riggans Zimmer, mitten auf der Bühne bei den Darstellern usw. Die Kamera verfolgt das Geschehen, als wenn es eine Live-Dokumentation von fortschreitenden Ereignissen wäre. Diese Technik wird immer wieder während des Films in Anspruch genommen. Dadurch vermittelt sich das Gefühl von Unmittelbarkeit und Echtheit, was wiederum die hohe Schauspielkunst der Darsteller hervorhebt. Ganz extrem: bei einer dieser Kamerafahrten bleibt diese nach einer hektischen Szene alleine gelassen auf einem leeren Flur stehen. Keine Menschen, keine Gegenstände, nur ein leerer langer Flur, ausgelegt mit rotem Teppich. Fast eine Minute lang hält sich die Kamera dort drauf, bis sie sich wieder langsam vorwärts bewegt und Riggan von hinten ins Bild läuft. Eine faszinierende, komplizierte und doch so simple Art der Darstellung. Stets hat der Zuschauer das Gefühl, hier passiert etwas Lebendiges direkt vor ihm – die Distanz ist aufgehoben.

 

Riggan: "Listen to me. I'm trying to do something important."

Sam: "This is not important."

Riggan: "It's important to me! Alright? Maybe not to you, or your cynical friends whose only ambition is to go viral. But to me… To me… this is – God. This is my career, this is my chance to do some work that actually means something."

Sam: "Means something to who? You had a career before the third comic book movie, before people began to forget who was inside the bird costume. You're doing a play based on a book that was written 60 years ago, for a thousand rich old white people whose only real concern is gonna be where they go to have their cake and coffee when it's over. And let's face it, Dad, it's not for the sake of art. It's because you want to feel relevant again. Well, there's a whole world out there where people fight to be relevant every day. And you act like it doesn't even exist! Things are happening in a place that you willfully ignore, a place that has already forgotten you. I mean, who are you? You hate bloggers. You make fun of Twitter. You don't even have a Facebook page. You're the one who doesn't exist. You're doing this because you're scared to death, like the rest of us, that you don't matter. And you know what? You're right. You don't. It's not important. You're not important. Get used to it."

 

Vollkommener Wahnsinn oder Befreiung?

Der VogelRiggan Thomas leidet unter Wahnvorstellungen und Schizophrenie! Richtig? Das ist trotz aller Geschehnisse des Films leider nicht so leicht zu beantworten. Ja er hört Stimmen, genau genommen die seines Alter Egos Birdman, und er kann Gegenstände telekinetisch bewegen und in der Luft schweben. Oder kann er das doch nicht? Der Zuschauer wird während der gesamten Laufzeit immer wieder dazu gezwungen, seine Ansicht von Realität zu verändern. Was genau ist nun wirklich wahr, was vor einem geschieht? Ist es das Theaterstück, das, wie Riggan so schön selbst formuliert, sein Leben wiederspiegelt, oder sind es die Beziehungsgeflechte der Personen oder stolpern wir nur durch Riggans Kopf? Der Film zentriert sich zweifellos um seinen Hauptdarsteller, doch es ist sehr schwierig zu erkennen, wo die Übergänge zwischen Realität und Wahnsinn sind. Wenn Riggan quer durch die Stadt fliegt, nur um nach der Landung von einem Taxifahrer nach seinem Beförderungsgeld gefragt zu werden, dann ist die Verschmelzung perfekt. Am Ende muss sich jeder Besucher selbst die Frage stellen: handelt es sich bei Birdman um einen Mann, der dem Wahnsinn verfällt oder ist er vielmehr auf der Suche nach einem heftigen Befreiungsschlag aus den Wirren seines Lebens?

 

Sam: Truth or dare?

Mike Shiner: Truth.

Sam: That's boring.

Mike Shiner: Truth is always more interesting.

 

Fazit:

BoxingBei Birdman kommt man nicht drumherum festzuhalten: der Film fasziniert endlos. Die Öffnung so vieler verschiedener Ebenen und Möglichkeiten, die technischen Feinheiten, die große Schauspielkunst und nicht zuletzt das Wiederfinden jeden einzelnen Menschens innerhalb von Riggan Thomas, das alles beeindruckt im höchsten Maße. Wer von uns sucht nicht nach Erlösung, Befreiung, Anerkennung, Liebe oder dem eigenen Weg? Wer von uns hat nicht im Hinterkopf diese flüsternde Stimme, der wir zu viel Angst haben, eine wirkliche Gestalt zu geben? Wir leben alle in unseren eigenen, kleinen, wahnsinnigen Welten, die nur wir kennen und in der nur wir bestimmen, ob wir von riesigen Roboter-Vögeln angegriffen werden oder nicht. Dem Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Erst recht nicht, wenn es darum geht, ihn zu befreien. Das sagt uns Birdman. Und so ganz nebenbei, als wenn das nicht schon genug gewesen wäre, versteht sich der Film auch noch als Hommage an das dramatische Theater, an die Schauspielkunst und als Kritik an der Oberflächlichkeit und die Blendung der Wahrnehmung wahrer Schönheit und Wichtigkeit. Überwältigend gut.

 

Persönliche Meinung:

EmmaIch wusste irgendwann nicht mehr worauf ich achten sollte. Birdman hat mich an meinem Verstand zweifeln lassen und gleichzeitig meinen Horizont erweitert. Er hat mich lachen und schlucken lassen, staunen und aufkeuchen. Bis jetzt frage ich mich, wie dieser Film es geschafft hat, so viele Ebenen aufzumachen und sie mit so simplen, wenn auch kompliziert zu arrangierenden Mitteln, derart rund unter einen Hut zu bringen. Ich muss Birdman einfach noch einmal sehen, das reicht noch nicht. Diese vielen Details, die man nur auf den zweiten oder dritten Blick erkennt, die gilt es ebenfalls zu wertschätzen. Ich möchte selbst in meinem Leben an diesen Punkt kommen, an dem ich einen krächzenden Laut ausstoße und einfach loslasse mit dem Wissen, dass es richtig ist. Denn für mich ist der Film ein großes Feld voller Hoffnung und Zuversicht, das in der Befreiung von Zwängen und Normen liegt. Das Ende von Birdman und dabei erscheinende Gesicht von Emma Stone sagen alles, was man nach den 120min wissen muss.

Rating: ★★★★★★★★★☆ 

Fakten:

Regie: Alejandro González Iñárritu

Darsteller: Michael Keaton, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts, Andrea Riseborough, Zach Galifianakis

Oscar Nominierungen:  9

 

 

Quellen: Internet Movie Database, Box Office Mojo, Fox Searchlight Pictures

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