Oscars 2015 – Der Vorbericht

 

Heute Nacht werden in Hollywood die 87. Academy Awards verliehen. Die Award Season verlief bisher unspektakulär mit dem üblichen Favoritenwechsel einmal im Monat. Die Oscars markieren nun den Höhepunkt und haben die große Chance doch noch zu überraschen. Denn wie in jedem Jahr stehen die Gewinner bereits jetzt sehr wahrscheinlich fest. In der Vergangenheit hat es dennoch des Öfteren Überraschungen gegeben und wir können nur hoffen, dass wir ein solches Jahr erwischt haben. Denn mal ehrlich: eine so langweilige und selbstgefällige Show wie im letzten Jahr möchte niemand mehr sehen. Schauen wir uns gemeinsam die favorisierten Filme und Darsteller an. Doch bevor wir das tun, möchte ich kurz ein kontroverses Thema ansprechen, das sich um die Nominierungen gebildet hat.

Oscar

War bei der Wahl der Nominierten Rassismus im Spiel?

Das Thema Rassismus ist seit jeher ein Brennpunkt bei der Oscarverleihung. Der Grund liegt darin, dass der große Teil der Academy aus weißen Amerikanern jenseits der 60 besteht. Es stellt sich also in jedem Jahr aufs Neue die Frage: wie viele Nominierungen werden dunkelhäutige Darsteller und Filme bekommen? Filme, in denen dunkelhäutige Darsteller die primäre Rolle einnehmen, sind selten. Sehr selten sogar, denn es gibt nur einen Denzel Washington wohingegen man einen Bradley Cooper leichter ersetzen könnte (nicht persönlich gemeint Bradley). Umso schneller ist die Academy mit Nominierungen dabei, wenn es in irgendeiner Form um die Sklaverei, Bürgerrecht oder ähnliche Themen geht. Das beste Beispiel ist der letztjährige Gewinner 12 years a slave. Durchaus ein hervorragender Film, der aber in den Augen der meisten Zuschauer und Kritiker hinter Gravity hätten zurückstehen müssen. Man addiere den Sklaverei-Bonus und erhalte einen Oscar-Gewinner. 

SelmaDie diesjährige Verleihung kann nur einen einzigen solcher Filme vorweisen: Selma, ein Drama um den Bürgerrechtler Martin Luther King. Ohne Frage ein herausragender Film, der vielerseits hoch gelobt wird. Dennoch wurde Hauptdarsteller David Oyelowo keine Nominierung zuteil, was unter heftige Kritik gerät. Man wirft der Academy Rassismus vor und jeder, der auch nur ansatzweise etwas dagegen sagt oder auch nur ein falsches Wort benutzt, wird sogleich abgemahnt von der selbstgerechten Gesellschaftspresse. Fakt ist, dass die meisten Filme, für die dunkelhäutige Darsteller nominiert werden, sich um ihre eigene Geschichte drehen. Fakt ist aber auch, dass es dieses Jahr außer Selma keinen anderen Film zu nominieren gab, in dem dunkelhäutige Darsteller im Vordergrund stehen. Vielleicht fehlt da eine Nominierung, aber würde es jemanden interessieren, wenn Steve Carell nicht nominiert worden wäre? Nein natürlich nicht, schließlich ist er ja auch weiß. Es geht hier um Schauspielerei und keiner der Nominierten ist an der falschen Stelle, selbst wenn David Oyelowo eine Nominierung verdient hätte. Die Luft bei den besten Schauspielern war in diesem Jahr verflucht dünn und ich traue jedem der Nominierten einen Gewinn zu, ausnahmslos. Und so ganz am Rande: die Art, wie sich über die vielen "weißen Nominierungen" beschwert wird, ist ebenso rassistisch wie andersherum. Also haltet mal die Luft an und hört mit diesem selbstgerechten Mist auf. 

 

Für eine komplette Liste aller Nominierten: KLICK 

 

Bester Film

FlyingLange Zeit hatte sich Richard Linklaters Boyhood als Favorit in dieser Kategorie hervorgetan. Doch seit zwei Monaten ist plötzlich Birdman von Kultregisseur Alejandro González Iñárritu der Frontrunner. Das filmisch und schauspielerisch exzellente Drama versteht es meisterlich, den Zuschauer in ein Verwirrspiel aus Realitätsbewältigung, Wahnsinn, Selbstfindung und schonungslosen Emotionen einzubinden. Die einzig wirkliche Konkurrenz zu diesen beiden Kandidaten ist das Bürgerrechtsdrama Selma, das durch die ganze Rassismus Debatte einen Bonus erhält. Dass ein solcher Bonus durchaus zu einem Oscar Gewinn führen kann, hat uns Argo vor einigen Jahren bewiesen.Interessanterweise besteht die Liste in diesem Jahr aussschließlich aus Filmen, die ich mir auch selber anschauen würde. Das ist in den wenigsten Jahren der Fall, da sich immer einige extreme Dramen einfinden, die sich vermutlich nicht mal die Nominierten angesehen haben. Ebenso wiederkehrend ist die Tatsache, dass nur ein einziger dieser Filme finanziellen Erfolg hatte: American Sniper. Alle anderen spielten mittelmäßig bis unterirdische Zahlen ein, was wie immer sehr schade ist. 

Favorit: Birdman

Hauptkonkurrent: Boyhood

 

Bester Hauptdarsteller

eddie-redmayne-3-768Damit befinden wir uns auch gleich in der spannendsten Kategorie. Eddie Redmayne ist für The Theory of Everything der Favorit, darüber ist man sich größtenteils einig. Allerdings hängen alle anderen nominierten Darsteller nur sehr knapp dahinter. Bradley Cooper vielleicht am wenigsten, wobei er durch seine mehrfachen Nominierungen ohne Gewinn noch im Rennen ist. Steve Carell ist der Außenseiter, der jedoch immer mehr ins Gespräch kommt. Benedict Cumberbatchs großartige Performance in The Imitation Game wird vermutlich nicht ausreichen, selbst wenn er mal an der Reihe wäre. Redmayes größter Konkurrent ist und bleibt Michael Keaton für Birdman. Keaton spielt darin eine Mischung aus einem echten, gealterten Schauspiel mit Hang zur Schizophrenie, einer Theaterrolle, die das Leben des Schauspielers wiederspiegelt, und seine eigene schauspielerische Vergangenheit. Man ersetze Birdman durch Batman und erhalte Michael Keatons Karriere, die nach den Superhelden Filmen nie wirklich wieder in Schwung kam. In Birdman zeigt er auf ironische, selbstreflektierende, teils urkomische und stets treffende Weise, wie er damit umgeht und was für ein klasse Schauspieler er selbst ist. 

Favorit: Eddie Redmayne

Hauptkonkurrent: Michael Keaton

 

Beste Hauptdarstellerin

Ich mache es kurz: niemand redet über diese Kataegorie, weil sie bereits entschieden ist. Felicity Jones und Rosamund Pike sind deutliche Außenseiter ohne Chance. Reese Witherspoon und Marion Cotillard spielen großartig, haben aber bereits jeweils einen Oscar. Julianne Moore war vielfach nominiert in der Vergangenheit, spielt in die Still Alice fantastisch und wird gewinnen. Nur schade, dass niemand jemals irgendwas von diesem Film gehört hat.

Favorit: Julianne Moore

Hauptkonkurrentin:  –

 

Bester Nebendarsteller

Auch diese Kategorie ist kaum eine Erwähnung wert. Allerdings könnte sich ein überzeugender Edward Norton für Birdman als starke Konkurrenz herausstellen. Jedoch hat J.K. Simmons mit Whiplash so ziemlich jeden der vorherigen Preise gewonnen, so dass es schon mit dem Teufel zugehen müsste, wenn der Oscar nicht dabei wäre. Zumindest hat man von Whiplash schon einmal vorher gehört. Das ist ein Anfang. 

Favorit: J.K. Simmons

Hauptkonkurrent: Edward Norton  

 

Beste Nebendarstellerin

Endlich kommen wir wieder zu etwas Spannenderem. Diese Kategorie ist zumindest im Ansatz ein Händeringen an der Spitze. Ganz oben steht derzeit Patricia Arquette für Boyhood, dicht gefolgt von Emma Stone für Birdman. Beide Schauspielerinnen hätten die Trophäe zweifellos verdient. Arquettes Chancen sind allerdings aufgrund ihrer Erfahrung größer einzuschätzen, während Stone neu in dem Gebiet ist. Die anderen drei Damen werden keine Rolle bei der Verteilung spielen. 

Favorit: Patricia Arquette

Hauptkonkurrentin: Emma Stone

 

Bester Regisseur

BoyhoodDie Regisseure machen es uns in diesem Jahr nicht einfach. Auch hier heben sich wieder zwei klare Favoriten hervor, die beide ebenbürtige Chancen auf einen Sieg haben. Birdmans Alejandro González Iñárritu liefert ein Meisterwerk der Regiekunst ab, das bis auf den letzten Trommelschlag des Soundtracks stimmt. Er vereint eine breite Palette an Facetten, die sich kaum ein Film zu trauen wagen würde. Richard Linklater erschuf mit Boyhood eine Mischung aus Projekt und Film. Zwölf Jahre lang dauerten die Dreharbeiten und am Ende entstand eine bewegende Homage an das Leben. Beide Regisseure haben bereits in der Vergangenheit ihr Talent unter Beweis gestellt und beide gewannen noch keinen Oscar. Es ist nicht vorherzusagen, wer gewinnen wird.

Favorit: Richard Linklater

Hauptkonkurrent: Alejandro González Iñárritu

 

 

Nun noch die fehlenden Kategorien mit meinen Favoriten in Kurzform.

 

Bestes Drehbuch: Boyhood

Bestes adaptiertes Drehbuch: Whiplash

Bester Animationsfilm: How to train your dragon 2

Bester ausländischer Film: Ida

Beste Kamera: Birdman

Bester Schnitt: American Sniper

Bestes Produktionsdesign: The Grand Budapest Hotel

Beste Kostüme: The Grand Budapest Hotel

Bestes Make-Up und Haar: Foxcatcher

Bester Soundtrack: The Grand Budapest Hotel

Bester Song: Selma

Bestes Sound Mixing: American Sniper

Bester Sound Schnitt: Birdman

Beste Visuelle Effekte: Dawn of the Planet of the Apes

Bester Dokumentarfilm: Citizenfour

Beste Kurz-Dokumentation: White Earth

Bester animierter Kurzfilm: The Bigger Picture

Bester Live-Avtion Kurzfilm: Boogaloo and Graham

 

Quellen: Internet Movie Database, Fox Searchlight Pictures, Paramount, Oscar.com, People

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