Marvel’s Daredevil

 

Netflix, der größte Streaming-Anbieter weltweit, produziert bereits seit Jahren eigene High-Quality Serien. House of Cards oder Orange is the New Black sind da nur zwei der vielen Beispiele. Wenn sich nun dieser Streaming Gigant mit der bekanntesten Produktionsfirma für Superhelden-Filme, Marvel, zusammentut, dann erwartet uns Großes. Doch um diese von grundauf neu entwickelte Serie zu verstehen, müssen wir uns zunächst von dem desaströsen Versuch entfernen, Daredevil auf die große Leinwand gebracht zu haben. 2003 kam der Anti-Held mit Ben Affleck in der Hauptrolle in die Kinos und ist als nichts weniger zu bezeichnen als eine Gräueltat für Auge und Hirn. Dagegen sieht selbst der sehr schwache erste Captain America Film wie eine High-Class Produktion aus. Das unterirdische Spin-Off Electra gab dem Ganzen dann den endgültigen Todesstoß. Marvel hat nun beschlossen, Daredevil eine neue Chance zu geben und ihren düstersten Helden aus der Versenkung zu holen. Wird es gelingen? Ganz klar: JA! 

Poster

 

Der personifizierte Anti-Held

teamMatt Murdock kann sich vor Schicksalsschlägen kaum erholen. Mit neun Jahren verliert er durch einen Chemie-Unfall das Augenlicht, kurze Zeit später wird sein Vater (John Patrick Hayden) ermordet. Aber nicht nur damit muss er klar kommen, denn durch den Verlust seines Augenlichtes schärfen sich seine anderen Sinne dramatisch. Er kann kleinste Dinge hören und fühlen, deren Existenz normale Menschen nicht mitbekommen. Mit seinen Sinnen kann er Bewegungen in der Luft spüren oder leiseste Geräusche aus weiter Ferne vernehmen. Auf diese Weise formt sich ein sehendes Bild in seinem Kopf, mit dessen Hilfe Matt (Charlie Cox) als Erwachsener normal leben könnte. Doch statt dies zu tun, mimt er den Blinden, studiert Jura zusammen mit seinem Freund Foggy Nelson (Elden Heson) und eröffnet eine Kanzlei in seiner Wohngegend Hell's Kitchen, die ihren Namen nicht umsonst trägt. Matt hat genug von der Ungerechtigkeit in seinem Viertel. Während er tagsüber versucht, Recht und Gesetz walten zu lassen, ist er Nachts auf den Straßen und Dächern als geheimnisvoller Rächer mit schwarzer Maske unterwegs und verprügelt Gangster. Was als einsamer Feldzug geplant war, entpuppt sich bald als Unmöglichkeit. Er ist auf Hilfe von Anderen angewiesen, beispielsweise die idealistische Sekretärin Karen (Deborah Ann Woll) oder die Krankenschwester Claire (Rosario Dawson). Etwas brodelt im Hintergrund von Hell's Kitchen, etwas nicht Greifbares in den Schatten. Ein Name, den keiner kennt und der die gesamte Unterwelt der Stadt in Atem hält: Wilson Fisk (Vincent d'Onofrio) aka der Kingpin. 

 

In der Dunkelheit zuhause

fightMeine Herrn ist Marvel's Daredevil düster! Wer von Marvel bisher die bunten Popopern ala Thor oder Iron Man gewohnt ist, der sollte schleunigst umdenken. Denn in Daredevil geht es nicht nur dunkel und dramatisch zu, sondern auch höllisch brutal. Es bleibt kein Auge trocken, wenn Knochen brechen oder weggerissenes Fleisch durch die Gegend fliegt und die Protagonisten weiter draufhalten, die Kamera immer mitten drin. Zum Glück setzt die Serie nicht nur auf diesen Effekt, sondern versucht zugleich eine tiefe Story zu entwickeln und glaubwürdige Charaktere zu schaffen, die ihren Platz haben. Das gelingt außerordentlich gut! Der Grund ist recht simpel: es wird nur sehr wenig wirklich gekämpft. Die meiste Zeit befinden wir uns in der Entwicklung der Charaktere, der Beziehungen und vor allem des steten Hin und Hers zwischen Fisk, seinen Verbündeten und Daredevils Aktionen. Im Gegensatz zu anderen Antihelden, wie z.B. DCs Arrow, geht Daredevil einen Großteil der Zeit seinen Weg alleine. Seine Verbündeten und Kollegen haben mit den Aktionen Daredevils nichts zu tun und unterstützen stattdessen Matt Murdock tagsüber in seinem Streben für Recht. Das ist sehr ungewöhnlich, denn in einer normalen, generischen Serie hat ein Held immer mitwissende Verbündete. Mit dieser Regel wird schlichtweg gebrochen, was einen enormen Effekt auf die Entwicklungen hat.

 

Glaubwürdigkeit ist Trumpf

Es ist sehr schwer, glaubwürdig zu verkaufen, wie ein blinder Mann auf diese Weise kämpfen kann. Nicht nur versucht sich die Serie erfolgreich an einer Erklärung, sondern schafft es gar, die Vorteile der Behinderung plausibel an den Zuschauer heranzutragen. Charlie Cox verkörpert den ungewöhnlichen Mann bravourös. Er bringt einen jugendlichen Charme mit, versprüht aber fiskgleichzeitig eine innere Dunkelheit und Härte. Man spürt seinen Konflikt zwischen dem richtigen Handeln und seiner Wut, die er nicht freilassen darf. Nein, er ist kein Jedi auf dem Weg zur dunklen Seite! Stattdessen ist es eher der Kampf gegen die Verzweiflung und Machtlosigkeit, die Fisk und Hell's Kitchen ihm entgegenbringen, die ihn prägen. Die Welt, in der er lebt, ist realistisch böse und entfernt sich zu keinem Zeitpunkt von ihrer Greifbarkeit. Daredevils Counterpart Wilson Fisk ist so böse wie man nur sein kann. Stets beherrscht, vernünftig und kühl, agiert er nur sehr selten wirklich brutal oder außer Kontrolle. Aber wenn er das tut, dann in ausschweifender Manier, die nur Entsetzen zurücklässt. Zu keinem Zeitpunkt sind seine Ausbrüche vorhersehbar oder gar berechenbar, wen er umbringen wird, denn in den Augen und den Handlungen und Worten liegt eine eisige Kälte und Bedrohung. Ich hatte zwischendurch richtiggehend Angst vor ihm. So stelle ich mir einen Bösewicht vor! 

Bei aller Dramatik und Charaktertiefe muss ich aber dringend ein Wort zu den Kämpfen verlieren. Am Ende des Tages ist Daredevil ein Action-Held, dem entsprechende Szenen zustehen. Diese werden absolut meisterlich über die Bühne gebracht. Es hat mich schwer beeindruckt, mit welcher Präzision die Kämpfe choreographiert und gefilmt sind. Man darf sich dabei nicht blitzende, bunte Schwinger vorstellen. Es handelt sich um harte, brutale Straßenkämpfe mit einer hohen Dosis Martial Arts. Wer den Film The Raid gesehen hat, weiß was ich meine. Besonders beeindruckend: in der zweiten Folge findet ein Kampf zwischen Daredevil und einem Dutzend Gegner in einem engen Korridor statt. Der dauert locker fünf Minuten und wird uns ungeschnitten und ungekürzt gezeigt in nur einer einzigen Kameraeinstellung. Der Wahnsinn!

 

Fazit

posterNiemals hätte ich vermutet, dass Marvel auch mal Schritte in die düstere Richtung unternimmt. Mit allem dem flashigen Rums der Avengers ist ein Held wie Daredevil kaum denkbar. Und doch gibt es ihn, so brilliant wie nie zuvor. Auf so einen Helden habe ich seit Nolans Batman Trilogie gewartet und da ist er endlich. Die düstere Atmosphäre überzeugt, die Charaktere sind weit entwickelt, tief und menschlich und die Kämpfe ein Augenschmaus. Kleinere Kritikpunkte schmälern nicht im Mindesten das außergewöhnliche Gesamtbild. Fans der Original-Comics dürften ihre helle Freude mit diesem Daredevil haben. Liebhaber von einfacher Action ala Avengers könnten Probleme mit dem vielen Gerede bekommen. Man muss sich in Superhelden-Filmen oder -Serien erst einmal wieder daran gewöhnen, dass tatsächlich echte Charaktere auftreten können, die mehr als zwei interessante Sätze sagen und sogar mit einer logischen Handlung zusammengehalten werden. Daredevil ist eine High-Quality Serie, die einen nicht alleine lässt und stattdessen mitnimmt in die Gassen und Gossen von Hell's Kitchen. Sie ist erwachsen und richtet sich auch an ein solches Publikum. Einzigartig!

Mein Tipp: schaut euch den unten folgenden Trailer an, um zu entscheiden ob die Serie was für euch ist. 

Rating: ★★★★★★★★★☆ 

 

Fakten:

Creator: Drew Goddard

Darsteller: Charlie Cox, Elden Henson, Deborah Ann Woll, Vincent d'Onofrio, Rosario Dawson

Verfügbarkeit: Staffel 1 auf Netflix seit April 2015

 

 

Quellen: Internet Movie Database, Marvel.com

 

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