Im Herzen der See

 

Selbst der größte Kulturbanause hat schon einmal den Namen "Moby Dick" gehört. Einer der größten Klassiker der amerikansichen Literatur, gefüllt mit Abenteuer und Schrecken, bestückt mit Ehre, Rache, Überlebenskampf und nicht zuletzt dem Kampf des Menschen mit sich selbst und der Natur. Moby Dick, der weiße Wal, steht für die größten Herausforderungen unserer Leben, aber auch die größten Ängste und Besessenheiten, die uns begegnen. Jeder von uns hat seinen eigenen, persönlichen Moby Dick in sich. Die Geschichte von Im Herzen der See erzählt die Geschichte des Schiffes Essex und seiner Crew auf der Jagd nach Walöl und der Begegnung mit dem Wal. Jedoch ist die Perspektive eine Nacherzählung für den Autor selbst, Herman Melville, von einem überlebenden Crewmitglied. Ron Howard (A Beautiful Mind, The Da Vinci Code) klemmte sich hinter das Regie-Ruder und versuchte einen Balanceakt zwischen der ursprünglichen Erzählung mit seiner ganzen Tiefe und beeindruckenden Szenen. Mit dabei ist Thor höchstpersönlich.

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Der weiße Wal

heartoftheseasposter2Die amerikanische Ostküste 1820. Die Händler und Gilden betrachten Walöl als das wertvollste Gut der Erde. Es schenkt ihnen Licht, Sicherheit, Wärme und nicht zuletzt Geld. Jeden Tag brechen von Nantucket, Masachussetts neue Schiffe auf, um die Pottwale zu jagen und das wertvölle Tran nach Hause zu bringen. Auch Owen Chase (Chris Hemsworth) ist Walfänger von Beruf und soll das Kommando über sein eigenes Schiff bekommen. Doch im letzten Moment kippt sein Glück und er steckt als Obermaat unter dem unerfahrenen Captain George Pollack (Benjamin Walker) fest. Die Geschichte der Reise dieser Männer und ihrer Crew wird von Thomas Nickerson (Brendan Gleeson) erzählt, der damals als Jugendlicher (Tom Holland) mit an Bord die Schrecken erlebte. Sein Zuhörer ist der Schriftsteller Herman Melville (Ben Wishaw). Nickerson berichtet von der Fahrt der Essex und der Begegnung mit dem riesenhaften, weißen Wal, der das Schiff zerstörte und die Crew in Seenot auf dem Ozean treiben ließ. Doch der Rachedurst der Kreatur war damit noch nicht gestillt. 

 

Der Mensch im Wal

HOTS-20130923BO4V1784.dngIm Herzen der See ist ungewöhnlich. Beim ersten Blick auf den Trailer möchte man meinen, es handelt sich um einen effektreichen und überstilisierten Aufguss der klassischen Geschichte. Doch dem ist nicht wirklich so, denn der Film bemüht sich tatsächlich eine Form von Realismus und Korrektheit reinzubringen, um der Zeit und dem Ereignis gerecht zu werden. Dies gelingt sogar recht oft. Ja der Wal ist sehr beeindruckend, die Effekte gefallen ebenfalls, die Kameraeinstellungen sind extrem gut und man kann dieses Abenteuer sehr präzise nachvollziehen. Der Versuch, die Zeit von 1820 einzufangen, ist auch in Ordnung. Man versteht die Problematiken und fühlt sich sowohl auf den Städten als auch an Bord wie in dieser Zeit, selbst wenn manche Darstellung gehetzt wirkt. Es ist natürlich kein Master & Commander, aber dieser Standard ist ohnehin unerreichbar. Ich habe in vielen Kritiken gelesen, dass vor allem das Tempo des Films ein Problem darstellt, aber das kann ich nicht so empfinden. Nach langsamem (und etwas einfältigem) Start, geht es schnell auf See und die Walfangaktionen machen mit ihren Schrecken dennoch süchtig anzusehen. Howard stellt sehr gut dar, wie grausam der Mensch ist, wenn es um Profit geht. Auch der Terror des weißen Wals ist gegenwärtig und sein Angriff brutal und gnadenlos. Der menschliche Sinn nach Vergeltung und Schutz spiegelt sich in HOTS-201309179D3A8019.dngihm wieder. Er wird von den Seeleuten ironischerweise als Monster bezeichnet, während sie genau diese Eigenschaften in sich Menschen noch viel deutlicher finden können. Den Gipfel der Selbstgerechtigkeit erreichen sie nach dem Schiffbruch mit der Frage, wofür Gott sie bestraft. Kritisiert wird vor allem die zweite Hälfte, da wir fast eine Stunde lang mit im Wasser dümpelnden Seeleuten zu tun haben, die versuchen, den Hungertod zu überleben. Die Auszehrungen und Verzweiflung sind in die Körper und Augen gebranntmarkt. Selten zuvor habe ich Menschen derart auf der Leinwand leiden sehen. Aus diesem Grund muss ich sagen, dass ich auch die zweite Hälfte stimmig und nicht langweilig fand. Als Einschränkung muss aber auch gesagt sein, dass so manche Szene gehetzt und durchgestyled wirkt, wo man sich hätte Zeit lassen können. Auch die Zerstörung der Essex ist in meinen Augen zu früh. 

 

Das Monster ins uns

HOTS-20131003BO4V0392.dngBesonders die Schauspieler tragen ihr Bestes dazu bei. Chris Hemsworth zeigt, dass er nicht nur als hammerschwingender Muskelmann mit dummen Lines zu gebrauchen ist, sondern auch schauspielerische Qualitäten besitzt. Ebenso gut ist Cillian Murphey als Nr. 3 auf dem Schiff und auch Benjamin Walker als steifer Captain mit Autoritätsmangel. Gerade die Entbehrungen der zweiten Hälfte zehrten an den Darstellern und verlangten ihnen viel ab, das gefiel mir sehr gut. Es hätte in meinen Augen sogar noch etwas mehr sein dürfen, das Entsetzen spiegelte sich im Ausklang zu wenig wieder. Auch die Dialoge konnten nicht immer überzeugen und wirkten wie mancher Zusammenhang auch zu einfach. Die große Frage ist natürlich, ob das Mystische von Moby Dick wiedergefunden werden konnte. Meine Antwort ist: teilweise. In meinen Augen wäre da noch mehr möglich gewesen und man braucht einen reflektierenden Verstand, um die tiefer gehenden Strukturen erkennen zu können. Das ist schade. Dennoch hat mich der Wal beeindruckt, vor allem mit seinen menschlichen Zügen und seinem gnadenlosen Drang, den Menschen Verstand einzubläuen. Es ist heute so real wie damals: wir sind die Ungeheuer, nicht sie. 

 

Fazit

Ich habe eine Weile geschwankt, vor allem da ich mir an einigen Stellen eine präzisere Umsetzung gewünscht hätte, anstatt die Zeit vor sich hin plätschern zu lassen. Trotzdem bin ich positiv aus dem Film herausgegangen und habe viel mitgenommen. Howard gelingt es, den Fokus auf das Duell von Mensch und Tier zu legen und dabei zu vermitteln, wie klein wir doch sind. Wie hilflos im Angesicht der Weiten unserer Welt und mit welchen Entbehrungen wir außerhalb unserer Komfortzone leben müssen. Die Schauspieler waren ebenfalls überzeugend und die Atmosphäre stimmig. Alles in allem ein guter Film. Allerdings hätte ich mir gewünscht, die Besessenheit des Kampfes zwischen Mensch und Tier herauszuzeigen. Owen Chase gegen Moby Dick. Der weiße Wal steht wie oben beschrieben für die eigene Angst, Besessenheit, das fanatische Erstreben von Zielen, aber auch Herausforderungen. Das kommt leider überhaupt nicht heraus. Ich kenne den weißen Wal meines Lebens. Ich hätte mir gewünscht, dass alle Zuschauer sich nach dem Anschauen des Films über den ihren Gedanken machen. Schwamm drüber, der Film lohnt trotzdem.

Rating: ★★★★★★★½☆☆ 

 

Fakten:

Regie: Ron Howard

Darsteller: Chris Hemsworth, Benjamin Walker, Cillian Murphey, Tom Holland, Ben Wishaw, Brendan Gleeson, Michelle Fairley

Budget: $100Mio.

 

 

Quellen: Internet Movie Database, Box Office Mojo, Warner Bros.

 

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